Ein Überblick über die Konzerne, die in besonderem Maße vom Dritten Reich und seinen Verbrechen profitierten und sich so mitschuldig machten. Und ein Beispiel, wie es auch unter den Faschisten Möglichkeiten gab, anders zu handeln.
Skript
Ich erinnere mich noch gut daran, wie Trump zum zweiten Mal inauguriert wurde und wie die Tech-Bonzen brav in der ersten Reihe standen und applaudierten. Am nächsten Tag habe ich mein Instagram-Account gelöscht und wir versuchen uns von Amazon unabhängig zu machen, was keine leichte Sache ist, wenn man mitten im Nichts lebt.
Es hat mir auch vor Augen geführt, dass Konzerne schon in ihrem Bauplan kein Rückgrat eingebaut haben. Das war im Dritten Reich offensichtlich. Darum ist es wichtig, daran zu erinnern, wie begeistert die großen Konzerne die Nazis unterstützt haben und wie sie sogar noch von Krieg und Judenhass profitierten. Profitieren wie in Profit. Wie sie sich bereicherten am Unrecht.
Fangen wir mit der Bayer AG an, Erfinderin des Aspirins und Teil der IG Farben – wie auch Hoechst, Agfa oder BASF. Diese „Interessengemeinschaft“ der großen Vier mit dem euphemistischen Namen, die unter anderem für das Zyklon B verantwortlich sind, mit dem in den Vernichtungslagern gemordet wurde.
Um den Betrieb zum nationalsozialistischen Musterbetrieb zu machen, musste er erst „arisiert“ werden. Das hieß nicht nur, alle jüdischen Mitarbeiter zu entlassen, man färbte auch die Firmengeschichte schön. Und dazu schwieg man Arthur Eichengrün tot, der maßgeblich an der Entwicklung der Acetylsalicylsäure beteiligt war.
Die Pharma-Sparte von Bayer nutzte den Mangel an rechtlichen und ethischen Schranken im NS-Staat aus, um neue Medikamente, Impfstoffe und chemische Substanzen an unwilligen Häftlingen in den Konzentrationslagern, u. a. in Auschwitz und Buchenwald, zu testen. Test, bei denen Krankheiten künstlich erzeugt wurden, was die meisten Probanden nicht überlebten.
Bei der IG Farben können wir gleich bleiben, denn ein zweiter Name gehört zwingend dazu: die Degussa. Deren Tochter Degesch vertrieb das Zyklon B, das ab September 1941 in den Gaskammern zum Massenmord eingesetzt wurde. Die SS ließ den als Warnsignal vorgeschriebenen Geruchsstoff eigens entfernen. Ein Geschäft, das pro Jahr rund 200.000 Reichsmark abwarf.
Damit nicht genug: In den Schmelzöfen der Degussa landete auch das Zahngold ermordeter Juden. Die Degussa-Vorstände kehrten Ende der vierziger Jahre auf ihre Posten zurück.
Weniger bekannt ist die Verstrickung der Allianz. Vorstandschef Kurt Schmitt pflegte schon vor der Machtübernahme Kontakte zu Hitler und Göring. Mit der Machtübernahme stieg Schmitt zum Reichswirtschaftsminister auf und wurde SS-Ehrenmitglied.
Ab 1940 versicherte die Allianz in den Konzentrationslagern SS-Betriebe, Häftlingsbaracken, Materiallager und Fuhrparks – darunter in Auschwitz, Buchenwald und Dachau. Allianz-Mitarbeiter inspizierten die Lager regelmäßig. Dass eine Versicherung die Gebäude eines Vernichtungslagers gegen Feuer versichert, ist, wenn man darüber nachdenkt, wirklich bizarr.
Maggi – „Immer eine gute Suppe!“ Der Tütensuppenhersteller, geleitet von einem frühen NSDAP-Mitglied, war in vorauseilendem Gehorsam sogar schon 1935 „judenfrei“. Ein weiterer NS-Musterbetrieb. Das tat den Profiten gut, denn man hatte den Exklusivvertrag mit der Wehrmacht – eine eigens entwickelte Tütensuppe für die Front, hergestellt von Zwangsarbeitern in Singen.
Bleiben wir beim Werbefernsehen: Melitta. Horst Bentz wartete die sogenannte Machtergreifung ab – nebenbei eine Nazi-Vokabel und eine schlechte Wortwahl –, um in die Partei einzutreten. Und gleich noch in die Waffen-SS. Seitdem brummte der Laden, dreimal hintereinander „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“.
Was das offiziell bedeutete: Moderne Betriebe, „Schönheit der Arbeit“, angemessenes Entgelt, Fürsorge für Wohnung und Gesundheit. In Wahrheit reichte es, keine Juden zu beschäftigen und am „Kraft durch Freude“-Programm teilzunehmen und es mitzufinanzieren. Dass BMW, Mercedes und Volkswagen die Auszeichnung ebenfalls regelmäßig einheimsten, sei nur nebenbei erwähnt.
Und damit zu einer deutschen Familie, deren Name heute auf keiner Verpackung steht, deren Autos aber überall fahren: die Quandts, bis heute Großaktionäre von BMW – ein Konzern, der sich noch immer ab und zu einen „Familienbetrieb“ nennt.
Günther Quandt trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein; die Mitgliedschaft öffnete ihm die Türen zu lukrativen Rüstungsaufträgen. Sein Batteriekonzern AFA, die spätere Varta, setzte im Krieg massiv Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ein. 1943 entstand direkt neben dem Batteriewerk in Hannover-Stöcken ein quasi firmeneigenes KZ, ein Außenlager von Neuengamme. Über 400 Menschen starben dort, viele an Bleivergiftung. Die Firma kalkulierte gegenüber der SS mit einer monatlichen „Fluktuation“ von 80 Zwangsarbeitern – ein Wort, hinter dem sich Arbeitsunfähigkeit und Tod verbergen.
Verlassen wir Deutschland. Henry Ford war glühender Antisemit, und Hitler ein Bewunderer – Ford findet sich in „Mein Kampf“ zitiert, angeblich hing ein gewidmetes Porträt in Hitlers Büro. Die deutschen Ford-Werke produzierten fleißig für den Krieg, zehntausende Lastwagen, Kettenfahrzeuge („Maultier“) und Motoren für die Wehrmacht und die Luftwaffe. Eingesetzt wurden Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge aus dem KZ Buchenwald.
Nach dem Krieg forderte die amerikanische Mutter von der US-Regierung Reparationszahlungen wegen den Schäden an den deutschen Fabriken und bekam sie in den späten Sechzigern sogar – bizarr!
Nicht vergessen: Standard Oil, das faktische Ölmonopol der USA. Hier kooperierte man bereitwillig mit der IG Farben – beide Seiten nannten ihre Zusammenarbeit eine „Ehe“. Standen neue Ölfelder zur Verteilung an, ließ man den Deutschen den Vortritt; dafür machte die IG Farben Standard Oil international keine Konkurrenz mit neuen Produkten. Die Ehe endete mit dem US-Kriegseintritt. Standard wurde nach dem Krieg zerschlagen; zwei der größten Nachfolger heißen heute Chevron und ExxonMobil.
Und dann ist da noch die IBM. Die deutsche Tochterfirma Dehomag baute die Lochkartenmaschinen, mit denen sich die Transporte in die Vernichtungslager überhaupt erst organisieren ließen – wer, wann, mit welchem Zug. Der legendäre IBM-Chef Thomas J. Watson reiste mehrfach nach Deutschland um die 90-prozentige Tochter zu organisieren und bekam von den Nazis 1937 das „Verdienstkreuz des Deutschen Adlerordens“ verliehen. Nach dem Krieg übernahm Führungspersonal nahtlos.
Fakt ist: Jeder deutsche Großkonzern, der das Jahr 1945 erlebte, war Teil des NS-Verbrechens- und Ausbeutungssystems.
Fakt ist auch: Ein Großkonzern, der die Annahme von Zwangsarbeitern offiziell verweigert hätte, wäre wegen Sabotage geschlossen, zerschlagen oder unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt worden. Die Führungsebene hätte mit KZ-Haft oder der Todesstrafe rechnen müssen.
Und ebenso ist Fakt: Die absolute Mehrheit der deutschen Großindustriellen verweigerte sich ohnehin nicht, sondern forderte aktiv Arbeitskräfte an, um die Produktion und die eigenen Gewinne zu maximieren.
Aber es gibt Unterschiede. So war auch Bosch als Zulieferer für Autoteile und Rüstungsgüter tief in die Kriegswirtschaft verstrickt und beschäftigte ebenfalls tausende Zwangsarbeiter. Aber: Der Firmengründer Robert Bosch und sein Nachfolger Hans Walz gehörten zum bürgerlichen Widerstand. Sie schleusten Millionenbeträge an jüdische Organisationen, um Emigrationen zu finanzieren.
Die Firma Bosch stellte gezielt Juden und Regimegegner ein, um sie vor der Deportation zu schützen. Walz steht in Yad Vaschem in der Liste „Gerechte unter den Völkern“. Und ja, die wissen auch, dass er bei der SS war. It’s complicated.
Ich plädiere übrigens nicht dafür, die genannten Firmen heute zu boykottieren.
Ich plädiere nur dafür, niemals zu vergessen.
Wichtige Quellen:
Wikipedia, „Degussa“
Evonik Industries, „Degussa in der NS-Zeit“
Wikipedia, „Quandt (Familie)“
Handelsblatt, „‚Arisierung‘ und Zwangsarbeit: Die Schuld der Quandts“
Der Freitag, „Ford und der Führer“
KuLaDig, „Ford-Automobil-Produktionswerk in Niehl“
Wikipedia, „Thomas J. Watson“
Swissinfo, „Nestlé pays SFr25 million to join Holocaust settlement“
Chronos Verlag, „Geschäfte und Zwangsarbeit“