Feldwebel Pfeffers Einsame-Herzen-Kapelle

1967 veröffentlichten vier Musiker aus Liverpool ein Album, das die Popmusik für immer veränderte. Aber was wäre gewesen, wenn es auf Deutsch erschienen wäre? Wäre es genauso erfolgreich? Musste „gute Musik“ damals sogar in Englisch sein?

Skript

Wir wollen uns heute dem sogenannten Konzeptalbum „Feldwebel Pfeffers Einsame-Herzen-Kapelle“ einer Gruppe junger Männer aus der britischen Hafenstadt Liverpool widmen, um dezidiert den Unterschied zwischen diesem Werk und Kunst herauszuarbeiten.

Die Langspielplatte beginnt sofort mit dem namensgebenden Lied und leitet ohne Übergang zum nächsten Stück über, dass den Titel „Mit ein bisschen Hilfe von meinen Freunden“ trägt. Man kann dem Sänger nur raten, beim nächsten Mal mehr von der Hilfe seiner Freunde in Anspruch zu nehmen. Vor allem, wenn es sich dabei um Menschen handelt, die etwas von Musik verstehen.

Verspricht der Titel des nächsten Machwerks „Luzie am Himmel mit Diamanten“ vielleicht noch erträgliche Schlagermusik, wie wir sie aus dem deutschen Radio gewöhnt sind, so versteckt sich hinter dem Lärm eine verborgene Botschaft. Denn die drei Großbuchstaben des Titels ergeben die Abkürzung „LHD“, was natürlich für die Landeshauptstadt Düsseldorf steht. Wie jeder weiß, handelt es sich hier um eine Fehlentscheidung der britischen Militärregierung: Köln wäre die geeignetere Hauptstadt gewesen.

Auf das Düsseldorf-Lied folgt etwas, dass sich schlicht „Es wird besser“ nennt, doch der nachfolgende Titel ist sogar schlechter. Er trägt einen Titel, der aus einem Baumarkt-Katalog entlehnt wurde und zwar: „Ein Loch reparieren“.

Die Alltagsmeldungen scheinen Methode zu haben, denn es folgen „Sie verlässt das Haus“, was vom Informationsgehalt ungefähr so interessant ist wie der Wetterbericht von gestern.

Es folgt eine musikalische Zirkusnummer, die laut Titel „Für das Wohl von Herrn Drachen“ aufgezeichnet wurde. Um sich vom Krach zu erholen, darf man beim nächsten Beitrag darüber rätseln, was wohl „In Dir ohne Dich“ bedeuten mag.

Ein etwas heiteres Licht wirft der Ton-gewordene Renten-Antrag „Wenn ich vierundsechzig bin“ auf die Gesamtporduktion, was durch das nachfolgende „Liebreizende Rita“ thematisch leider verflacht wird.

Aus der Kindergartenarbeit entlehnt ist wohl der, Gott sei Dank, vorletzte Titel, der schlicht „Guten Morgen, guten Morgen“ heißt, bevor die Platte in einem Zweiteiler endet, der durch die Kakophonie eines Orchesters verbunden ist und sich – schlichter kann es nicht mehr werden – „Lebenstag“ nennt.

Während der 700 Arbeitsstunden, die die britischen Ordensträger auf die 300 000 Mark teure Produktion ihres komischmilitanten 13-Lieder-Zyklus verwendeten, ließen sie das Studio mit stimulierenden Essenzen beträufeln: Ambraduft regte zu skurrilen Lyrics an. Zum milden Beat eines Streichquartetts oder zu Hühnergegacker tragen sie poetische Geschichten vor — so von Karussell-Unternehmern, die türkischen Honig schlecken.

Die Beatles sind keine Beat-Band mehr, sondern Labor-Musiker. Es stellt sich die Frage, ob diese Musik ohne das Hilfsmittel der Droge überhaupt noch ihre volle Wirkung entfalten kann.

Wer soll dazu noch tanzen? Die Beatles machen jetzt Musik für Professoren, nicht mehr für uns.

KI: Moment, bin ich noch beim richtigen Podcast?

Ja. Klar. Zu den letzten drei Teilen der Kritik eine kurze Info: Also, ab „Während der 700 Arbeitsstunden“ stammt vom Spiegel und danach ab „Die Beatles sind keine Beat-Band mehr“ stammt von der Zeit und die Klage, dass man nicht mehr zu „Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band“ tanzen kann, stammt von der Bravo. Alles aus dem Jahr 1967.

KI: Dann war Sergeant Pepper kein Erfolg?

Eigentlich sind sich alle einig, dass es das einflussreichste Album der Beatles ist. In Europa ist es das meistverkaufte Werk der Band. Weltweit führt Abbey Road, weil die Amerikaner „Here Comes the Sun“, „Something“ und „Come Together“ im Radio rauf und runter gespielt haben.

Kurioserweise ist das weiße Album in den USA noch erfolgreicher, weil es als Doppelalbum von der RIAA auch doppelt gezählt wird. Aber darum geht’s mir gar nicht.

KI: Ach, folgt jetzt etwas wie ein tieferer Sinn?

Das könnte ich nicht behaupten. Aber ich habe vor kurzem darüber nachgedacht, dass die wirklich wichtigen Platten in meinem Leben, zu 80 Prozent in englischer Sprache sind.

Sergeant Pepper war für mich eine wichtige Platte, auch wenn ich heute Revolver noch lieber habe. Aber damals – im Dunkeln im Bett mit den Riesenkopfhörern – da war Sergeant Pepper für mich wie LSD, bloß ohne LSD.

Alle Musik, die wir für cool hielten, war in Englisch. Warum hörst Du nicht deutsche Musik – so die Frage der älteren Generation, die aber durchaus gerne zu „Nessun dorma“ ein Tränchen verdrückte – und die Antwort war immer die Gleiche: Weil die scheiße ist.

Das war natürlich eine Fehlinformation, aber zumindest im Radio und im Fernsehen bedeutete „deutsche Musik“ entweder Volksmusik, volkstümliche Musik oder Schlager. Rock gab es nicht.

Cool war aber Englisch. Adriano Celentano hat ja die These, dass ein Stück nur englisch klingen muss, um cool zu sein, mit seinem Stück [Musikschnipsel] belegt. Über einem endlosen Loop improvisiert er einen Sprechgesang, der nach Englisch klingt, aber nur Nonsense ist.

Es kam dann auch noch genug deutsche Musik, die cool war. Ich mochte speziell die österreichischen und bayrischen Liedermacher und ich war ein Fan der Neuen Deutschen Welle, bevor sie mit Nena und Markus ins Grab fuhr.

Aber die englischen Texte haben mich niemals gestört. Im Gegenteil: Gerade, weil ich nicht alles verstanden habe, entstand beim Musikhören etwas, dass man semantische Leere nennen könnte.

Gerade, weil ich mir nicht sicher war, um was es in dem einen oder anderen Song eigentlich geht, konnte ich meine Gefühle viel besser darauf projizieren und konnte auch die Gefühle, die der Song transportierte besser verstehen. Oder missverstehen. Aber machte ja nichts.

Es ist nicht nur Unverständnis – auch wer gut Englisch kann, will es oft nicht zu genau verstehen. Das ist aktive Ambiguitätstoleranz. Der Song darf nicht zu konkret werden, weil er sonst aufhört, genau von mir zu handeln.

Popmusik, und Kunst allgemein, funktioniert durch kontrollierten Bedeutungsnebel. Ballett, Malerei, Musik oder Bildhauerei sind ja keine Methoden, um möglichst präzise Informationen weiterzugeben, sondern sie sind nichtsprachliche, zwischenmenschliche Kommunikationsmittel.

Englisch war für uns damals dieser perfekte Nebel. Außer, dass es cool war und die deutsche Musik scheiße. Sprache ist nur ein Teil, nicht das Ganze.

KI: Ich als großes Sprachenmodell, sehe das ganz anders.

Übrigens: Während die Neue Deutsche Welle abebbte, nahm die französische Nouvelle Vague an Fahrt auf. Da habe ich wirklich kein Wort verstanden, aber bei „C’est comme ça“ von Les Rita Mitsouko habe ich mich beinahe bewusstlos getanzt. Auch „Les Histoires d’Amour“ konnte ich auswendig mitsingen – aber textsicher war nur der Refrain. Der Rest war eher gelallt. Beides Songs von der LP „The No Comprendo“, was auch ein guter Name für diese Episode gewesen wäre.

Youtube: Adriano Celentano: Prisencolinensinainciusol (Remastered)