Maikäfer, flieg!

„Maikäfer, flieg!“ ist vielleicht das traurigste Kinderlied deutscher Sprache. Wo könnte das herkommen? Und, wenn wir schon dabei sind: Alles über Maikäfer. Bonus: Eine neue Theorie über die Herkunft des Lieds.

Skript

Ich kann die meisten Lieder, die ich meinen Kindern vorgesungen habe, noch ganz gut auswendig. „Wie ein Fähnlein auf dem Turme“ zum Beispiel. Und ich kannte „Das rote Pferd“ aus dem Kindergarten, bevor es in Deutschland auf Rang vier der Single-Charts geklettert ist.

Aber es gibt ein Kinderlied, das mich immer … befremdet hat. In meiner Erinnerung hat es meine Oma Agnes für meinen kleinen Bruder zum Trost gesungen. Aber diese Kindheitserinnerungen sind trügerisch. Manchmal erinnert man sich an Dinge, von denen andere nur behauptet haben, man hätte sie erlebt.

Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommerland. Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer, flieg!

Das ist so ungefähr das am wenigsten Tröstende, was man singen kann. Aber die Melodie ist so eingängig und so traurig. Die Melodie erkennt an, dass man als Kind Trost braucht, aber der Text sagt: Was ich Dir schon länger erzählen wollte: Du bist übrigens wahrscheinlich ein Waisenkind. Tut die Beule immer noch weh?

In dieser Form ist der Text schon um 1800 nachzuweisen, manche Forschende gehen davon aus, dass er aus dem Dreißigjährigen Krieg stammt. Dafür spricht, dass es ein nachweislich aus dieser Zeit stammendes Lied gibt, dass das gleiche Versmaß hat:

Bet, Kind, bet!
Morgen kommt der Schwed.
Morgen kommt der Oxenstern,
Der wird dich das Beten lehrn.
Bet, Kind, bet!

Zweites Indiz ist, dass die Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ geklaut ist. Von diesem Lied sind uns von Melodie und Text Fragmente erhalten, die auf 1611 datiert werden können. Es könnte sich also um eine kriegsbedingte Parodie auf das beliebte Schlaflied handeln.

Pommern liegt heute ein bisschen in Mecklenburg-Vorpommern ein ganz, ganz bisschen in Brandenburg; aber hauptsächlich in Polen und wurde im Dreißigjährigen Krieg abwechselnd von den Kaiserlichen unter Wallenstein und den Schweden unter Gustav Adolf II. geplündert. Ist also wirklich abgebrannt, das Pommerland.

Aber, was für mich auch erstaunlich war, als ich das Lied hörte: Ich hatte in meinem ganzen Leben zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Maikäfer gesehen. Die einzige andere Referenz, die ich damals hatte, war Max und Moritz und bei Wilhelm Busch waren es faustgroße Insekten mit bedrohlichen Geweihen.

Wieder zuhause angekommen, zog ich das Lexikon zu Rate. Denn ich konnte lesen, weil ich sieben Jahre, einen Monat und einen Tag älter bin als mein Bruder. Da stand, dass es Maikäferplagen gab, aber die Tiere momentan in vielen Regionen vom Aussterben bedroht seien.

Das war damals tatsächlich so und lag an modernen Insektiziden. Speziell ab den Fünfzigern setzte man gerne DDT ein, das war billig herzustellen, wirkte bei Insekten hervorragend und galt bei Säugetieren als wenig toxisch.

Es ist ein Kontakt- und Fraßgift und lässt sich theoretisch abwaschen. Rein praktisch sammelt es sich auch im menschlichen Körper an und steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Diese Wirkung ist auf jeden Fall bei Ratten, Mäusen und Hamstern nachgewiesen.

Darum, und weil Insekten begannen, resistent zu werden, wird es nicht mehr eingesetzt. Die Maikäfer-Bestände erholen sich. Meine ersten lebendigen Maikäfer habe ich als Oberbayer trotzdem erst hier in Italien gesehen. Wäre ich Hesse, wäre die Wahrscheinlichkeit viel höher gewesen.

Vor den modernen Giftstoffen waren die Maikäfer tatsächlich ein Problem. Alle drei bis fünf Jahre kam es zu großen Schwärmen, die im Mai – hence the Name – die Bäume leerfraßen, bis sie sich vermehrten.

Denn Maikäfer sind eigentlich hauptsächlich Egerlinge. In dieser Wurmform leben sie jahrelang in der Erde, bis sie flugfähige Käfer werden. Das nennt man Imago in der Zoologie und diese Imagi leben bis zur gelungenen Vermehrung. Männchen sterben also nach dem Sex, Weibchen nach der Eiablage. Vier bis sieben Wochen.

Bekämpft wurden die Käfer, indem man sie aufgelesen hat. Eingesammelt. Hühnerfutter.

Allein auf den 8.000 Hektar Wien wurden noch 1951 eine Milliarde eingesammelte Maikäfer gezählt. Sagt der Naturschutzbund auf seiner Webseite.

Was uns zu einem Problem bei der Quellensuche bringt. Ich halte mich nicht für einen Laien bei der Suche nach Quellen. Tatsächlich ist es Teil des Berufs, für den ich Geld bekomme. Aber auch Podcasts wie den Explikator mache ich ja schon seit mehr als zehn Jahren.

Egal, wie ich gesucht habe, alle Angaben zu Wien, zu den Fünfzigern und zu Maikäfern, beruhen letzten Endes auf dieser Behauptung auf der Nabu-Website.

Dort berichtet der Artikel auch darüber, wie Maikäfer verköstigt wurden. Ja, wir Deutsche, die Witze über Kulturen machen, die Insekten vertilgen, haben Maikäfer gegessen, so die Nabu.

Die Fuldaer Zeitung wird zitiert. Studenten hätten noch 1925 die Maikäfer im Ganzen gegessen, nicht ohne den geringsten Nachteil. Außerdem seien sie in vielen Konditoreien verzuckert angeboten worden und hätten als Nachtisch gedient. Auch gäbe es ein Rezept für Maikäfer-Boillon, wo die Tiere – ohne harte Flügel und Beine – angebraten und in Brühe serviert wurden.

Allerdings gibt es hierzu eine Quelle außer der Webseite des Nabu. „Maikäfersuppen, ein vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“, heißt es in einer medizinischen Fachzeitschrift von 1844. Das ist die einzige Quelle. Kandierte Maikäfer gab es, aber nur in Frankreich. Im Ganzen gegessen halte ich für einigermaßen ausschließbar.

Das gesagt: Maikäfer gibt es natürlich länger, als Rezepte aufgeschrieben werden. Und Europas Geschichte vor der Moderne ist eine Geschichte des Hungers. Man kann davon ausgehen, dass auch bei uns Maikäfer gegessen wurden. Wie auch – nachgewiesenermaßen – Katzen, Eichhörnchen, Schwäne, Mäuse oder Eidechsen.

Maikäfer waren aber nicht nur Insekten, sondern auch ein Füsilier-Regiment der preußischen Armee. Angeblich von Kindern so getauft, weil ihre Uniform an Maikäfer erinnerte, lehnten die hauptsächlich adeligen Füsiliere diese Bezeichnung ab, bis ein Oberadeliger aus dem preußischen Herrscherhaus sie bei einer Rede so ansprach. Das offizielle Motto seit dann: „Es lebe hoch das Regiment, welches sich mit Stolz Maikäfer nennt!“

Sie hatten ihre Kaserne in Berlin genau da, wo jetzt der BND sitzt. Sie war auch der Ort der ersten Auseinandersetzung bei der Novemberrevolution, als Deutschland nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die Nase voll davon hatte, von Adeligen regiert zu werden. Drei Nicht-Adelige-Tote auf Seiten der Revolutionäre. Füsiliert.

Ich meine, das wollte ich nur erwähnen. Maikäfer, die im Krieg sind, dachte ich. Vielleicht waren ja die Preußen gemeint. Die waren auch im Ersten Weltkrieg und sie waren auch Väter. Und sie waren zwei Jahre an der Ostfront eingesetzt. Auch in Pommern. Aber ist ja nur meine Theorie zu einem kleinen, traurigen, seltsamen Kinderlied.

Quellen:

Wikipedia: Maikäfer

Archive.org: 100 Jahre Revolution – Maikäferkaserne

Naturschutzbund: Die Maikäfer sind wieder da

Wikipedia: Maikäfer flieg

Youtube: Intro: Fly maybug fly