Kategorie: Geschichte

  • Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen

    1942 schrieb Bruno Balz im Gestapo-Gefängnis zwei Lieder, um sich Mut zu machen. Sie wurden die zu den größten Hits der Kriegsjahre. Besonders eines davon sollte die Moral der Deutschen stärken – aber hat es das wirklich getan? Eine Geschichte über Durchhaltefilme, Hitler-Büsten und auch ein wenig um die Frage, ob es Wunder gibt.

    Skript

    Wir schreiben das Jahr 1942. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Dieses Jahr steht für die Wende des Kriegsverlaufs. Leider hat es noch einmal drei Jahre gedauert.

    1942 sang man: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen.“

    In meiner Familie gibt es eine Geschichte, die 1942 handelt. Denn da bekam meine Großmutter, die Agnes, im Frühling einen Brief von der Wehrmacht. Alle wussten, was das bedeutete. Alle in dem kleinen schlesischen Dorf wussten, dass es nun meine Familie erwischt hatte.

    Der Brief bedeutete: Mein Großvater war tot. Eine ‚Fliegerbombe‘, stand da. Beim Überqueren des Dnjepr, stand da. Da stand, er wäre einen Heldentod für das Deutsche Volk gestorben. Im Dorf sagte man schlicht: ‚Der Paul ist gefallen‘.

    Meine Mutter erzählte mir gerne, wie meine Oma das Schreiben zerfetzte und dann die Hitlerbüste vom Kaminsims genommen und auf den Boden geknallt hätte, so dass scharfe Splitter durch die Stube spritzten.

    Wieder zu Sinnen gekommen, hat meine Oma alles aufgekehrt und dann im Hinterhof begraben, damit ja keiner mitbekommt, dass sie die Nase voll hatte. Von Hitler und den Nazis und dem Scheißkrieg. Denn die Nase-Vollhaben war lebensgefährlich.

    Ich habe keine Ahnung, ob diese Geschichte wahr ist. Meine Mutter war damals zwei Jahre und einen Monat alt – ob sie sich da so plastisch erinnern konnte?

    Auf jeden Fall habe ich Paul, meinen Opa, nie kennengelernt. Mehr nebenbei habe ich erfahren, dass er bei der SA diente. „Wie alle jungen Männer damals, in Schlesien“, meinte meine Oma. „Das bedeutet nicht, dass er ein Nazi war!“

    Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann. Auch in Schlesien, auch als junger Mann, musste niemand zu SA. Mein Opa war wohl ein Nazi. Er wird wohl „für Volk und Vaterland“ gestorben sein. Sinnlos. Umsonst.

    1942, im vierten Kriegsjahr, wurde allen deutlich: Es ist in keiner Weise sicher, dass die Wochenschau recht hat. Es kann gut sein, dass der Krieg verloren geht. Es kann gut sein, dass die Scheiße jetzt erst so richtig anfängt.

    Ins Kino konnte man aber noch gehen. Da liefen Filme, die die Nazis machen ließen, damit die Moral der Menschen nicht sinkt. Durchhaltefilme nennen wir das. Alle Kultur war zensiert und gleichgebügelt.

    Der erfolgreichste Film 1942 war „Die große Liebe“. Goebbels war sehr stolz auf diesen Titel. Hatte er sich selber ausgedacht. Ein wichtiger Film sollte das werden, entscheidend für „die Kriegsanstrengung“.

    Aber bitte nicht wieder mit dieser Zarah Leander! Das ist eine Schwedin! Die hat ja jüdische Großeltern! Doch es fand sich niemand, der so eine Ausstrahlung hatte und so singen konnte – Goebbels hatte es versucht. So wurde Zarah wieder verpflichtet, dem deutschen Volk die Laune zu heben.

    Sie bestand darauf, dass die Musik von ihrem Freund Michael Jary komponiert wurde. Und der bestand darauf, dass er die Texte von seinem Freund Bruno Balz geschrieben haben wollte.

    Nun denn. Dumm nur, dass der in Haft war. Im Hauptquartier der Gestapo in Berlin, in der Prinz-Albrecht-Straße. Und warum? Weil er schwul war. Das war illegal.

    100.000 Schwule wurden im Dritten Reich verhaftet, mehr als die Hälfte landete in Konzentrationslagern, wovon mehr als die Hälfte dort ermordet wurde. Das wusste Bruno Balz noch nicht. Aber er hat angenommen, nie mehr frei zu kommen, so viel wissen wir.

    Doch dann war er frei. Plötzlich. Unerwartet. Und in seiner Aktentasche hatte er die Texte für die zwei erfolgreichsten Lieder der Kriegsjahre. Gedichte, die er in Haft geschrieben hatte, um sich zu trösten. Da wäre zum einen „Davon geht die Welt nicht unter“.

    Im Film singt Zarah Leander das Lied vor Soldaten. Wehrmacht. SS. Nazis.

    Im Film ist sie schwer verliebt in einen Piloten der Luftwaffe. Und der wiederum ist in den Krieg verliebt und in die NSDAP, darum ist er nie zuhause, sondern an der Front.

    Und Hanna Holberg, gespielt von Zarah, sieht ein, dass es für sie, als Frau, nun heißt, ihre Interessen hintanzustellen. Darum bricht ihr es das Herz, das die Liebe ihres Lebens dauernd in Lebensgefahr schwebt, aber – wer weiß? – vielleicht passiert ja noch ein Wunder?

    Am Ende des Films liegt sich das Paar in den Armen und erlebt einen Moment der Hoffnung. Im Hintergrund fliegen – Gänse? Nein. Schwäne? Nein. Ein Bombergeschwader fliegt nach Russland. Kein Scherz! Nazikitsch.

    Klar, ein Durchhaltefilm. Und „Davon geht die Welt nicht unter“ ist Durchhaltemusik. So hat es sich ja Bruno Balz auch selber erdichtet.

    Aber „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“?
    Alle hofften 1942 auf ein Wunder. Die Nazis hofften auf die „Wunderwaffe“. Die V2 hatte ihren ersten erfolgreichen Flug, in der Barentssee startete das Unternehmen „Wunderland“.

    Aber: Ich bin sehr skeptisch, ob dieser Song wirklich dem Kriegseinsatz so förderlich war, wie Josef Goebbels sich das hoffte.

    Im Ernst: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden tausend Märchen wahr“? Wenn man ein Wunder braucht, dann muss die Lage ziemlich scheiße sein, oder?

    Jeder hat schon einmal auf ein Wunder gehofft, oder? Jeder weiß: Das klappt nicht. Bei meinem Mathe-Abi hat Beten auf jeden Fall nichts gebracht.

    Die Wahrheit ist, 1942 und immer: Es werden niemals tausend Märchen wahr.

    Ich glaube, das war kein Durchhaltelied. 1942. Nicht mehr.

    Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr hofften mehr Kinder, Frauen und Männer, dass ein Wunder geschieht. Und sie meinten nicht, dass Deutschland den Krieg gewinnt. Sie meinten das Wunder, dass der Krieg aus ist. Dass keiner mehr stirbt. Egal wie.

    Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr wurden mehr und mehr Adolf-Hitler-Büsten zerdeppert oder vergraben. 1941 gab es noch Abermillionen davon, in allen Größen, vier Jahre später waren alle verschwunden.

    Tja. Auch ein Wunder.

    Bruno Balz hat den Krieg überlebt. Er wurde als Nazi verdächtigt und kam er erst auf freien Fuß, als er den alliierten Richtern seine Homosexualität gestand – und „Geständnis“ ist das richtige Wort. Denn der §175 verbot in Deutschland, bei Haftstrafe, noch bis ins Jahr 1969 sexuelle Handlungen zwischen Männern. Gestrichen wurde er erst 1994. Schwulsein war auch nach den Nazis immer noch verboten.

    Zarah Leander verließ Deutschland 1943 und kehrte zurück nach Schweden. Den letzten Film, den sie Goebbels laut Vertrag noch schuldete, hat sie nie gedreht. Eine sowjetische Agentin sei sie gewesen, hieß es.

    Meine Oma Agnes floh mit drei Kindern und einem Neugeborenen alleine von Schlesien nach Oberbayern. Ihr Zug wurde zwei Mal bombardiert, am Schluss gingen sie zu Fuß. Ohne Gepäck.

    Ich habe keinen Krieg in Zentraleuropa erlebt, wie vorher jede Generation. Ich musste auch niemals hungern, eher mache ich mir Sorgen um meine Linie.

    Also – ich muss mich selber verbessern: Klar, es werden nicht tausend Märchen wahr, okay, aber das eine oder andere Wunder, das geschieht vielleicht doch.

    Quellen:

    Wikipedia: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen

    Wikipedia: Bruno Balz

    Zitierte Songtexte: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen (1942)“. Text: Bruno Balz, Musik: Michael Jary. Hinweis: Der verwendete Ausschnitt des Songtexts wurde im Rahmen der inhaltlichen Auseinandersetzung gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht) verwendet.

  • Die dümmsten Geschäftsideen des Jahrtausends

    Der heiße Scheiß von gestern: Eine Reise durch die spektakulärsten Tech-Flops des Jahrtausends von Obst in Plastiktüten über Weltraumreisen ohne Rückkehr bis zu einer rollenden Antigravitationsmaschine. Alle wollten das nächste große Ding und ganz viel Geld.

    Skript

    Ich bin wahrscheinlich nicht die geeignetste Person, Geschäftsideen zu beurteilen. Denn von allen meinen Geschäftsideen waren höchstens zwei oder drei nicht dumm.

    KI: Und das schließt wahrscheinlich nicht einmal diesen Podcast ein.

    Nein. Ja. Ich meine, wie meinst Du das? – aber egal: Es geht ja im Rückblick leichter, schlechte Geschäftsideen zu erkennen. Wie zum Beispiel mein Casual Game „Hotchpotch“ , das ich mit meinem Bruder und einem Freund nicht nur programmiert, sondern auch in alle Shareware-Börsen gedrückt habe. Glänzende Reviews – null Verkäufe. Also wirklich null. Das ist die Zahl, die nur ein Bild von einem Loch ist. Die Donut-Zahl, die Bagel-Zahl, die Kringel-Zahl, die …

    KI: Es reicht an Analogien. Können wir anfangen?

    Du hast recht. Man stelle sich also vor, es gäbe eine Brille, die man mit Sprache und Gesten navigiert. Sie kann einem den Weg zeigen, Dinge erklären, die man gerade sieht, Echtzeit-Übersetzungen einblenden, Termine verwalten und Informationen teilen. Natürlich kann sie filmen, fotografieren und man kann an Videokonferenzen teilnehmen.

    Die Time nennt die Brille „Die Erfindung des Jahrhunderts“, die Vogue widmet ihr 12 Seiten, die Simpsons eine ganze Episode und Prince Charles, Oprah, Jennifer Lawrence und Bill Murray werden mit ihr abgelichtet.

    Klingt wie ein Produkt von heute, bloß, dass das Wort KI nicht vorkommt. Ist aber der heiße Scheiß von 2012 und hieß „Google Glas“. Für den Sparpreis von 1.400 Dollar bekamen die Konsumenten ein ziemlich hässliches Brillengestell ohne Gläser. Allerdings funktionierten nicht alle Features und besonders die Tatsache, dass man nie wusste, ob ein Google-Brillenträger einen gerade filmt, erregte die Gemüter. Restaurants, Bars und Casinos stellten bald Verbotsschilder auf.

    Jetzt kommt eine ganze Armada von neuen intelligenten Brillen auf uns zu. Gottseidank gibt es schon jetzt eine Warn-App, um zu erkennen, ob jemand in der Nähe eine solche nutzt. Was kommt als Nächstes?

    KI: Im Skript steht: Jetzt zur Nachhilfestunde für Microsoft

    Ah, danke. Microsoft dachte sich 2006: „Hey, der iPod ist seit fünf Jahren der unangefochtene König der MP3-Player – da steigen wir jetzt mal ein!“ Der Zune war im Grunde eine Kopie des iPod, trotzdem nur zehn Dollar billiger und ohne irgendeinen anderen überzeugenden Grund, warum jemand vom Marktführer wechseln sollte.
    Das Timing war maximal schlecht. Apple stellte ein Jahr später nicht den nächsten iPod vor, sondern das iPhone, womit eigenständige MP3-Player quasi über Nacht zu Museumsstücken wurden. Das Ergebnis: kümmerliche zwei Prozent Marktanteil, bevor der Zune 2011 gnädig eingeschläfert wurde.

    KI: Und jetzt?

    Kannst Du die nächste Überschrift vorlesen?

    KI: Wer zu spät kommt, bezahlt zwei Milliarden Dollar

    Ah, das ist Quibi. Quibi hatte auf dem Papier alles, was man braucht, um grandios zu scheitern: 1,8 Milliarden Dollar von Investoren wie Disney, Goldman Sachs und Alibaba trendingtopics, ein Gründerduo aus einem Ex-Disney-Manager und einer Ex-HP-Chefin trendingtopics, und die brillante Idee, dass die Welt einen kostenpflichtigen Streamingdienst für maximal zehnminütige Hochkantvideos braucht.

    Dumm nur, dass es bereits kostenlose Hochkantvideos auf Tiktok, Youtube und Instagram gab. Dumm nur, dass Quibi nur die Inhalte bekam, die Netflix und HBO nicht wollten. Auch dumm, dass die CEO im Interview nicht eine einzige Quibi-Serie benennen konnte, weil sie halt keine „Entertainment-Enthusiastin“ sei.

    So abonnierten nicht, wie im Businessplan vorgesehen, 7,5 Mio. Amerikaner den Dienst, sondern nur 500.000. Zack: Zwei Milliarden Dollar verbrannt.

    Und?

    KI: Was?

    Darf ich bitten?

    KI: Och, na gut. „Wie man Silicon Valley auspresst“

    Doug Evans wachte eines Morgens auf und dachte sich: Jeder Mensch braucht eine WLAN-fähige Saftpresse mit Scanner, Microprozessor und 400 anderen Einzelteilen, die 700 Dollar kostet und nur mit Obst- und Gemüsebeuteln funktioniert, die wir im Abo verkaufen.

    Geboren war Juicero und sammelte bald Geld in Silicon Valley ein. Hier, nimm 120 Mio. Dollar, sagte zum Beispiel Google Ventures. In einem Video prahlte der Gründer damit, dass seine überteuerte Saftpresse so viel Druck erzeugen kann, dass man zwei Teslas damit anheben könnte. In einem anderen Video zeigte eine Bloomberg-Journalistin, dass man die Beutel genauso effektiv und schneller mit der Hand auspressen kann. Ohne Teslas.

    Damit war die Party vorbei. Gründer Evans widmet sich momentan dem Verkauf von „Rohwasser“ für 40 Dollar den Krug.

    (Pause) Na?

    KI: Na gut: Ich heiße Mark Zuckerberg und habe keine Beine

    Im Oktober 2021 hatte Mark Zuckerberg eine Vision – oder zumindest etwas, das er dafür hielt: Er benannte sein gesamtes Unternehmen von Facebook in „Meta“ um, als öffentliches Bekenntnis zur virtuellen Realität.

    Was folgte, war eine Parade aus klötzigen „Horizon Worlds“-Umgebungen voller kreischender Kinder, endlosen Entlassungsrunden und der bemerkenswerten Leistung, seit 2021 über 70 Milliarden Dollar in ein Produkt zu versenken, das niemand benutzen will.

    Der Totengräber des Metaverse war allerdings schon das Produktvideo zur Einführung, durch das uns Mark Zuckerberg höchstpersönlich führte. Die graphische Qualität entsprach ungefähr der ersten Playstation, um Rechenzeit zu sparen, hatten die Avatare keine Beine. Gruselig!

    Ende 2025 wurde der Abteilung noch einmal 30 Prozent Budget gestrichen und die Börse atmete erleichtert auf. Die Investoren feierten buchstäblich, dass der Konzern endlich aufhört, ihr Geld in ein digitales Geisterhaus zu kippen.

    KI: Auf zum Mars. Ohne Rakete, ohne Sauerstoff und ohne Geld!

    Mars One war die vielleicht dreisteste Geschäftsidee auf dieser Liste – und das will angesichts der Konkurrenz etwas heißen. Eine kleine niederländische Firma mit vier Mitarbeitern versprach ab 2012, die ersten Menschen zum Mars zu schicken und dort dauerhaft anzusiedeln – ohne Rückfahrkarte. Geschätzte Kosten laut CEO Bas Lansdorp: sechs Milliarden Dollar Wikipedia. Zum Vergleich: Die NASA schätzte ein ähnliches Vorhaben damals auf 100 Milliarden.

    Aber wer braucht schon die NASA, wenn man stattdessen die Reise als Reality-TV-Show finanzieren will? Das Unternehmen war ja schließlich auch keine Raumfahrtfirma und stellte keinerlei Hardware her. Es hatte weder eigene Raketen noch Verträge mit jemandem, der welche hatte – SpaceX bestätigte ausdrücklich, keine Verträge mit Mars One zu haben.

    Einer der ausgewählten Finalisten – Doktor in Physik und Astrophysik – bezeichnete Mars One öffentlich als Betrug. Das MIT berechnete, dass die Besatzung nach 68 Tagen Flugzeit an Sauerstoffmangel verstorben wäre. Big-Brother-Macher Endemol stieg aus. Ende, Gelände.

    Im Grunde war Mars One ein Crowdfunding-Projekt für eine interplanetare Selbstmordmission, das nicht mal genug Geld einsammelte, um sich ein ordentliches Büro zu finanzieren – geschweige denn eine Marsreise.

    KI: Die Antigravitationsmaschine mit 20 Stundenkilometern

    Ich gebe es zu: Ich war einer von denen, die drauf reingefallen sind. Dean Kamen kündigte an, seine Erfindung werde das Auto so aussehen lassen, wie das Auto die Pferdekutsche hat aussehen lassen. Steve Jobs nannte es „bigger than the Internet“, manche spekulierten über Antigravitationstechnologie.

    Ich träumte von autofreien Innenstädten. Und dann kam, nach einer unvergleichlichen Marketingkampagne im Dezember 2001 die Enthüllung: Segway war nicht Magie. Segway war ein Elektro-Roller. Für 5.000 Dollar, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h. Ein Mofa darf 25 Stundenkilometer.

    Das Fahrgefühl war im uncanny valley der Bewegung. Man wusste nicht, ob man schnell geht oder langsam fährt. Praktisch nirgendwo gab es eine Zulassung für Gehwege und in einigen Kommunen wurden auch die Autospuren verboten.

    Segway wollte 100.000 Stück im ersten Jahr verkaufen und schaffte in 19 Jahren insgesamt 140.000 Fast Company. Das bleibende Vermächtnis: Touristen, die in Trauben vor Denkmälern den Fußgängern den Platz versperren.

    KI: Ring, ring, ring, Bananaphone.

    Schon ganz gut. Aber Du musst das singen.

    KI: Das mache ich nicht.

    (Singt) Ring, ring, ring, Bananaphone.

    KI: Ring, ring, ring, Bananaphone.

    Und während Zuckerberg 70 Milliarden für ein Metaverse verbrannte, das niemand besucht, Quibi fast zwei Milliarden für Kurzvideos versenkte, die niemand sehen wollte, und Mars One mit vier Mitarbeitern zum Mars fliegen wollte – hat still und leise ein Produkt den Markt betreten, das all diese Konkurrenten: das Banana Phone!

    Ein Bluetooth-Headset in Form einer Banane, das sich per Knopfdruck mit dem Smartphone koppelt, 20 Stunden Gesprächszeit bietet, aus 100 Prozent recyceltem ABS besteht, und mit jedem Kauf Gorillas zu einem Prozent im Kongo schützt.

    Man telefoniert also, indem man sich eine Plastik-Banane ans Ohr hält und dabei großartig aussieht. Und wenn wir ehrlich sind: In einer Welt, in der Leute mit VR-Brillen gegen Laternen laufen und Touristen auf Segways die Fußgängerzonen verstopfen, ist eine Bluetooth-Banane vielleicht die ehrlichste Tech-Innovation dieses Jahrtausends. Sie verspricht: Nichts! Und liefert genau das!

    Quellen:

    Failory: Google Glass

    Techcrunch: A new app alerts you if someone nearby is wearing smart glasses

    Inspire IP: Microsoft Zune

    Trending Topics: Quibi

    CNET: Juicero

    Futurism: Zuckerberg Basically Giving Up on Metaverse After Renaming Entire Company “Meta”

    Wikipedia: Mars One

    Fast Company: Exclusive: Segway, the most hyped invention since the Macintosh, ends production

    Die Webseite des Banana-Phones

    Intromusik: Raffi – Bananaphone (Official Audio)

  • Das Nie-Geburtstagsfeier-Geburtsdatum

    Einige Schweden hatten ein Datum in ihrer Geburtsurkunde stehen, dass es ihnen unmöglich machte, jemals Geburtstag zu feiern. Schuld hatten Julius Caesar, Papst Gregor XIII., schlampige Drucker und, wenn man es genau nimmt, unsere Umlaufbahn um die Sonne.

    Skript

    Heute geht es um ein Datum, das es eigentlich überhaupt nicht geben kann und das es doch gab.

    Denn es gab ein paar arme Schweden und Schwedinnen, für die das Geburtsdatum 30. Februar 1712 in den Annalen eingetragen wurde. Und das lag nicht daran, dass der Pfarrer mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte, sondern daran, dass man in Schweden ein paar Reformen verschlafen und eine so richtig … verkackt hatte.

    Für diese armen Schwedinnen und Schweden war es also ein Leben lang nicht möglich, ihren Geburtstag zu feiern, denn dieses Datum gab es nur ein einziges Mal. Und schuld daran hatte niemand anderes als Gaius Julius Caesar.

    Denn schon die alten Römer hatten ein Problem mit ihrem Kalender und das nicht erst seit 154 vor unserer Zeitrechnung, als sie Neujahr auf den ersten Januar gelegt haben. Dadurch wurde der Monat mit dem Namen „Siebter“, der September, auf einmal der neunte Monat. Und der Achte, der Oktober, der Zehnte und der neunte, der November, der elfte und der zehnte, der Dezember, der zwölfte.

    Auch schon unschön, aber das zugrundeliegende Problem, das Problem aller Kalender ist ein ganz anderes.

    KI: Was, bitteschön, ist das Problem aller Kalender?

    Das Problem war und ist, dass die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde nicht mit der Umlaufbahn um die Sonne synchronisiert ist. Darum machen die Tage zusammen nie ein Jahr aus, sondern immer etwas mehr oder weniger.

    Denn ein Jahr hat ganz genau 365,24219 Tage. So genau wusste das aber der Julius nicht, der fand, dass 365 und ein viertel Tag schon genau genug ist. Das bedeutet, dass es reicht, alle vier Jahre einen Tag mehr zu haben. Den 29. Februar – auch schon ein problematisches Datum, um Geburtstag zu haben.

    In Wirklichkeit fehlen so aber jedes Jahr immer noch 0,00781 Tage oder 11 Minuten. Das ist jetzt nicht viel, würde man meinen, aber das addiert sich auch.

    KI: Okay. Ich sehe schon. Eine Geschichtsfolge. Jetzt erklärst Du als nächstes den gregorianischen Kalender, stimmt’s?

    Genau. Ostern fällt auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang. Das hatten die Christen schon im vierten Jahrhundert so festgelegt. Und der kleine Fehler von Julius führte im 16. Jahrhundert schon zu einer spürbaren Verschiebung. Das Osterfest vagabundierte durch das Jahr. Nicht in dem Tempo, in dem es der Ramadan im muslimischen Kalender tut, aber früher oder später würden die Kleinsten ihre Ostereier wohl im Hochsommer suchen müssen.

    Gregor führte drei Dinge ein:

    1. In allen durch 100 teilbaren Jahren entfällt der 29. Februar
    2. In allen durch 400 teilbaren Jahren entfällt aber dieses Entfallen.
      Und 3: Wenn man am 4. Oktober 1582 ins Bett ging und dann wieder aufwachte, dann war der 15. Oktober. Scha-wupps! Nicht, weil man so lange geschlafen hat, sondern weil der Stellvertreter Gottes auf Erden das so festgelegt hat. Amen! Ja, dadurch fallen einmalig auch elf Geburtstage weg, aber Schwamm drüber.

    Durch diese Regelung ist das gregorianische Jahr im Schnitt 365,2425 Tage lang. Die Abweichung sind nur noch 27 Sekunden. Anders ausgedrückt: Alle 3.226 Jahre muss ein Extra-Tag gestrichen werden. Das wird uns dann im Jahr 4808 beschäftigen. Könnt ihr euch schon darauf vorbereiten, fällt noch einmal ein Geburtstag weg.

    KI: Papst Gregor war sicher keine Schwede.

    Da wollte ich gerade draufkommen, nur die Ruhe! Die Idee der wissenschaftlichen Berater von Papst Gregor war also prima, aber wurde nur schleppend umgesetzt.

    Man muss das so rein menschlich verstehen. Wir jammern ja auch zwei Mal im Jahr, weil wir die Uhr jeweils um eine Stunde verstellen. Ist ja jeder Publikation immer wieder einen Artikel wert. Man stelle sich nur vor, ein neuer Kalender müsste in der EU eingeführt werden. Das würde sich auch hinziehen.

    Für Schweden und andere protestantischen Länder war das mit der Idee eines Papsts problematisch. Konnte ja keine gute Idee sein, wenn DER Katholik Numero Uno sie hatte.

    Um 1700 war man in Schweden schon zehn Tage unsynchron zum Rest Europas, wenn man von Großbritannien oder Russland absieht. Um aber nicht gleich das Kind mit dem heißen Bade auszuschütten, hatte man eine schwedische Idee. Einen sanften Sonderweg.

    Man würde einfach in den nächsten 40 Jahren alle Schalttage ausfallen lassen. Kein Drama, keine verlorenen Tage, alles schön langsam und geordnet.
    Was könnte da schiefgehen, mag man sich fragen?

    KI: Ja, ich mag. Was könnte da schiefgehen?

    Tja. Zwei Dinge: Erstens führte Schweden gerade Krieg. Den Großen Nordischen Krieg, um genau zu sein. Das fällt schwerer, wenn man dauernd das richtige Datum mit seinen Gegnern, Nachbarn und den Schlaumeiern in der eigenen Truppe diskutieren muss.

    Und zweitens vergaßen die Almanach-Drucker in den Jahren 1704 und 1708 schlicht, den Schalttag wegzulassen. Ups, sorry.

    Das bedeutete: Nach zwölf Jahren war der Plan komplett im Eimer. Schweden hing jetzt zeitlich irgendwo zwischen dem julianischen und dem gregorianischen Kalender. Sozusagen in einer kalendarischen Niemandszone. Es hatte ein ureigenes Kalendersystem, das niemand sonst auf der Welt benutzte.

    1712 sollte also eine Lösung her. Und die schwedische Regierung entschied: Wir machen rückwärts. Zurück zum julianischen Kalender, den alle kennen. Aber dazu musste man den 1700 weggelassenen Schalttag wieder einfügen.

    1712 war sowieso schon ein Schaltjahr. Also fügte man nicht nur den üblichen 29. Februar ein, sondern gleich noch einen 30. Februar hinterher.

    Boom. Schweden hatte einen Tag, den es nirgendwo sonst auf der Welt gab. Und die Kinder, die an diesem Tag geboren wurden, konnten niemals ihren Geburtstag feiern.
    Übrigens: 1753 ergab man sich der Moderne und führte das gregorianische System ein. Dazu wurden elf Tage gestrichen, wie einst bei Gregor. Wenn man am 17. Februar 1753 ins Bett ging und dann wieder aufwachte, dann war der 1. März. Scha-wupps! History Repeats.

    KI: Kalender sind hauptsächlich ein organisatorisches, kein naturwissenschaftliches Problem, oder?

    Eben. Es ist in Wirklichkeit nicht so, dass das Universum sich unseren Maßstäben beugt. Es gibt „in Wirklichkeit“ gar keinen Meter, kein Kilogramm, keine Sekunde – es gibt nicht einmal Tage oder Jahre. Wir entwickeln Methoden, ebendiese Wirklichkeit zu quantifizieren, aber das funktioniert an den Rändern dieser Maßstäbe nur so mittelgut.

    Und dieses „mittelgut“ hat immer auch Konsequenzen für Menschen. Wie für die Schwedinnen und Schweden, die an diesem einmaligen Tag geboren wurden. Am einmaligen 30. Februar 1712.

    Quellen auf Anfrage, habe ich gerade verschmissen…

  • Michelangelo hasste die Sixtinische Kapelle

    Nach sechs Stunden in der Warteschlange wird man in einen großen Raum geführt, den Michelangelo mit Nackten bemalt hat. Nicht nur Goethe hält das für ein unvergleichliches Meisterwerk. Ich nicht. Und Michelangelo auch nicht. Beweise liegen vor.

    Skript

    Heute befinden wir uns in der Sixtinischen Kapelle. Ihr wisst schon, das ist dieses große Zimmer im Vatikan, 550 Quadratmeter, dessen Wände und besonders die Decke bunt bemalt worden sind. Das ist aber schon lange her und darum waren die Bilder nicht mehr bunt. Das passiert, wenn man 500 Jahre lang Kerzen brennen lässt.

    Der Mann, der die Bilder gemalt hat und der Engelmichael auf italienisch hieß, war aber sehr berühmt und darum haben die Kunstkritiker ihn beim Anblick der nicht mehr bunten Bilder, den Beinamen „der Dunkle“ gegeben. Eine extra Farbschicht habe er verwendet, typisch für das Alterswerk sei das.

    Denn bunt malen kann ja jeder, aber echte Meister, die könnten auch mit einer gedeckten Palette lebensnahe und größtenteils nackte Menschen darstellen. Ein Genie, dieser Engelmichael! Die Künstler des Rinamiscento waren eben alle Universalgenies. Die konnten malen, dichten, konstruieren, bildhauen, sezieren, tanzen und sogar Wein trinken und furzen gleichzeitig.

    Dann kam ein japanischer Fernsehsender und hat alle Bilder renoviert. Regenwasser, Schmutz, Kerzenschmauch und die Verschandelung durch Jahrhunderte falscher Pflege wurden entfernt. Kein Scherz: Man hat die Fresken Jahrhunderte mit Brot und Wasser und in Härtefällen mit Retsina gereinigt. Dadurch die Verdunkelung des Dunklen.

    Und siehe da: Knallbunt hatte er gemalt, der Michelangelo. War gar kein Dunkler, war ein Bunter. Na, sowas! Das war natürlich genial. Weil ja Michelangelo genial war. Ein Meister der Hochrenaissance eben. Weiß jeder.

    KI: Wir befinden uns, wie immer in Deiner Plüschkabine und nicht in der Sixtinischen Kapelle. Das ist nur ein Hall-Effekt. Machst Du das, weil Du Michelangelo nicht magst?

    Weil er ja so genial ist, war die Warteschlange am 13. Juni 2006 auch vier Stunden lang, was unsere Dreizehnjährige und den Elfjährigen äußerste Geduld abverlangte. Dann standen wir in der Sixtinischen Kapelle, es war wohl um ein Uhr mittags.
    Und, was soll ich darum herumreden: Ich war underwhelmed. Tut mir leid.

    Ein Deutscher, der wirklich viel gesagt hat, sagte auch: „Ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“

    Da hat er recht, der Goethe. Das war sicher eine Schweinearbeit. Hat den Michelangelo ja auch zwei Mal vier Jahre und beinahe den Verstand gekostet.

    KI: Ah, Du magst also nur die Sixtinische Kapelle nicht!

    Ich mag sie nicht. Aber: Michelangelo hasste die Sixtinische Kapelle.

    Zum Beleg gibt es eine Zeugenaussage. Von Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni, geboren am 6. März 1475 in Caprese in der Toskana, als es ironischerweise „L’insalata Caprese“ noch gar nicht gab. Der Ort nennt sich heute aber nicht Pomodoro, Bufalo, Basilico, sondern Caprese Michelangelo.

    Dieser schrieb nämlich seinem Freund Giovanni di Pistoia von der Arbeit an den Deckenfresken und wählte die Form eines Gedichts. Ich zitiere die Übersetzung von Bettina Jacobson:

    Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei’n,
    Wie’s Katzen in der Lombardei geschieht
    Vom Wasser, (oder wie man’s sonst wo sieht),
    Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.

    Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein
    Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht
    Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht
    Der Pinsel Mosaïken reich und fein.

    Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,
    Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;
    Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.

    Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,
    Und hinten spannt sie über harter Kuppe,
    Denn wie ein Syrerbogen krümm‘ ich mich.

    So geht auch wunderlich
    Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,
    Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.

    Such‘ nun, o Freund, hervor,
    Was noch für meine toten Bilder spricht!
    Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug‘ ich nicht!

    Das Gedicht ist sprachlich etwas in die Jahre gekommen. Warum Katzen in der Lombardei ein Kropf wächst, ist mir unklar; das Harpien die Brust flieht, ist mir neu – aber es geht natürlich um die Körperhaltungen, die er einnehmen muss, um die Decke zu bemalen.

    Er lag, stand, kauerte, kniete und er arbeitete ganz alleine. Nachts musste er außer Palette und Pinseln auch noch eine Kerze halten, um zu sehen, was er da machte. Über vier Jahre lang. Ich werde schon ungeduldig, wenn ich in eine Deckenlampe eine Glühbirne drehen muss.

    Aber es gab für ihn keinen Ausweg. Er war zwar einigermaßen berühmt und hatte schon bedeutende Werke geschaffen, aber er war auch pleite. Und weil er so in die schwierige Arbeit vertieft war, gewann sein Konkurrent Raffael immer mehr Popularität, denn der konnte ja ungestört Content produzieren.

    Nach dem ganzen Gejammer über die Arbeitsbedingungen, urteilt er aber auch über die Qualität seiner Arbeit. Er findet die Ergebnisse seiner Arbeit seltsam – ein anderes Wort für wunderlich – und nicht richtig, weil er beim Malen falsche Urteile trifft.

    Darum wären seine Bilder tot, sagt Michelangelo.
    Was daran liege, dass er eben kein Maler sei. Sagt Michelangelo.

    KI: Kann man aber wirklich sagen, dass er seine Arbeit gehasst hat? Oder hast Du Dir das ausgedacht?

    Natürlich können wir das nicht hundertprozentig sagen, aber wir haben, außer des Gedichts, auch andere Quellen, dass er seine Arbeit in der Kapelle für eine seiner schlechteren hielt, ganz vorsichtig formuliert.

    Er hasste auf jeden Fall die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Dauer der Arbeit und den Arbeitgeber. Der war auch keineswegs angetan, sondern über die ganze Nacktheit entsetzt. Der Künstler Daniele da Volterra musste die ganzen Penisse und Brüste mitsamt Putz abschlagen und den Heiligen neue Klamotten malen. Das hat noch einmal zwei Jahre gedauert. Wir wissen nicht, welchen psychischen Preis er dafür zu zahlen hatte.

    Auf dem Stirnwandfresko hat sich Michelangelo auf der abgezogenen Haut des Märtyrers Bartholomäus selber dargestellt. Jemand, der einen Foltertod erlitten hat. Denn, nachdem er noch einmal vier Jahre an diesem letzten Teil gearbeitet hatte, war er 66 Jahre alt. Es folgte noch ein Job für noch einen Papst. Danach legte er den Pinsel für immer aus der Hand.

    KI: Gibt es ein versöhnliches Schlusswort?

    Ich schätze Michelangelos Skulpturen und auch die erhaltenen Zeichnungen sehr, aber für mich ist er im Vergleich zu manchen seiner Zeitgenossen ein nicht so wichtiger Maler.

    Trotzdem ist das vatikanische Museum die lange Wartezeit wert. In den Antikensammlungen war ich sieben Stunden so aufgeregt vor Begeisterung, dass ich nicht einmal gemerkt habe, wie die Zeit vergeht. Allerdings war das mein zweiter Besuch. Ohne Kinder.

  • [Archiv] Große Klappe, kleine Arme: Der T-Rex

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    Dreizehn Meter lang, neun Tonnen schwer, die stärkste Beißkraft aller Zeiten – und winzige Ärmchen. Die Wissenschaft rätselt seit über hundert Jahren, was der T. Rex mit seinen lächerlichen Ärmchen sollte. Von Dinosaurier-Kuhkippen bis zur Amputations-Prophylaxe: Die Erklärungsversuche sind fast so unterhaltsam wie das Problem selbst.

    Skript

    So wie im Intro hat der Tyrannosaurus wahrscheinlich wirklich gebrüllt. Eher wie mein Opa beim Mittagsschlaf als die Version von Stephen Spielberg.
    Vor „Jurassic Park“ war „Dino-Park“, denn so hieß das Buch, aus dem der Film wurde, in Deutschland. Das Buch war auch schon ein Bestseller. Ich habe dort zum ersten Mal von der „Chaostheorie“ gehört und ich habe zum ersten Mal davon gehört, dass Dinosaurier eher Vögel waren als Reptilien.
    Ein Tyrannosaurus Rex kam im Buch auch schon vor, bei Stephen Spielberg wurde er aber – nach den Velociraptoren – zum internationalen Filmstar.
    Das führt uns direkt zu einer der populärsten Fragen der Wissenschaft: Nein, nicht warum es mehr Materie als Antimaterie gibt, sondern: Was zum Teufel soll der Tyrannosaurus Rex mit diesen lächerlichen Ärmchen?
    Die tyrannische Echse, Spitzname König, war dreizehn Meter lang. Sie wog neun Tonnen. Der Schädel alleine maß anderthalb Meter, die Zähne waren so groß wie Bananen und die Beißkraft wahrscheinlich die höchste, die es je bei einem Landtier gab.
    Aber die Arme waren kürzer als die eines ausgewachsenen Menschen. Anders ausgedrückt: Hätte dieser ausgewachsene Mensch Tyrannosaurus-Arme wären die nicht einmal fünfzehn Zentimeter lang. Kann man sich nicht die Nase putzen mit und auch nicht die Fusseln aus dem Bauchnabel popeln.

    KI: In ihrer weisen Voraussicht hat Mutter Evolution dem Tyrannosaurus auch keinen Bauchnabel gegeben. Und Erkältungs-Viren sind erst 300.000 Jahre alt.
    Aber fangen wir vorne an, und vorne heißt: 1874. Ein Student namens Peter T. Dotson findet in Colorado einen Zahn. Einen einzelnen Zahn. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, was das für ein Tier war. Erst 1900 stolpert Barnum Brown in Wyoming über die ersten Knochen eines Skeletts. Zwei Jahre später findet er in Montana ein weiteres, und 1905 gibt Henry Fairfield Osborn, damals Präsident des American Museum of Natural History, dem Tier seinen Namen: Tyrannosaurus Rex. Er hatte aber auch mit dem Gedanken gespielt, dass vielleicht „Dynamosaurus imperiosus“ passender wäre. Hieße dann nicht mehr „T-Rex“, sondern „D-Imp“. Underwhelming.
    Anfangs wusste man nicht, wie die Arme aussahen. Osborn kannte nur den Oberarmknochen und gab seinem ersten ausgestellten T.-Rex-Skelett – 1915 war das – kurzerhand längere, dreifingrige Arme, wie man sie vom Allosaurus kannte. Sah imposant aus. Man kann das im ersten King-Kong-Film von 1933 sehen.
    Erst 1989 fand man mit dem „Wankel Rex“ in Montana das erste vollständige Armpaar. Die Reaktion der Paläontologie war wahrscheinlich: Oh. Oh nein.
    KI: Und seitdem rätselt die Wissenschaft, was die Ärmchen für eine Bedeutung hatten.
    Genau. Dazu gab es mindestens acht Theorien. Fangen wir an mit:
    Theorie 1: Die hat uns Professor Osborn geliefert, der ja nur den Oberarmknochen zur Verfügung hatte. Die Ärmchen waren Teil des Liebesspiels des Tyrannosaurus, meinte er. Da paaren sich also zwei neun Tonnen schwere Tiere, indem sie sich an den Stummelärmchen festhalten, so Mr. Dynamosaurus.
    Theorie 2: Barney Newan war 1970 der Meinung – immer noch mit der etwas größeren Armlänge in der Vorstellung, dass die Arme nur dazu da gewesen wären, dem T-Rex beim Aufstehen zu helfen, wenn er mal gestolpert und auf die Nase gefallen ist. Denn sonst hätte sich das Tier nicht umdrehen können, wenn es mal auf dem Bauch lag.
    Theorie 3: Gregory S. Paul meinte 1988 – ein Jahr vor dem Fund von „Wankel Rex“, wir sollten uns nicht so viele Gedanken über die Ärmchen machen. Die seien einfach Rudimente. Wie die Flügel bei Kiwis – also nicht die Früchte, sondern die Vögel. Oder die Ohr-Muskeln beim Menschen.
    Theorie 4: Jack Horner argumentierte 1994, dass die nutzlosen Arme ein weiteres Indiz für seine These seien, dass die großen Raubtiere in Wirklichkeit die Aasfresser unter den Dinos waren. Ein weiterer Beleg seien die kleinen Augen und das große Riechzentrum im Gehirn. Thomas Holtz hat diese These aber 2008 widerlegt: Denn es gibt direkte Beweise für Angriffe: Ein Edmontosaurus mit einer verheilten Bisswunde am Schwanz. Ein Triceratops-Schädel mit ähnlichen Verletzungen. Andere Überlebende von T.-Rex-Attacken.
    Theorie 5: Kenneth Carpenter und Matt Smith waren 2001 der Meinung, dass die Arme zwar kurz waren, aber, biomechanisch durchgemessen, nachweislich stärker als beim Menschen. Der Bizeps alleine konnte 200 Kilogramm heben. Und an den Knochen fanden sich Stressbrüche und verheilte Verletzungen – Zeichen, dass die Arme massiver Belastung ausgesetzt waren. Carpenters Theorie: Der T. Rex hat seine Beute mit den gewaltigen Kiefern gepackt und sie dann mit den Armen an seinen Körper gedrückt, damit sie nicht entkam.
    Theorie 6: Steven Stanley Beitrag zur Debatte stammt von 2017: Er meinte: Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt. Die Krallen sind zehn Zentimeter lang. Die konnten tiefe Wunden reißen, wenn der T-Rex sich auf seine Beute legte oder setzte oder sie mit den Kiefern festhielt. Nahkampfwaffen.
    Theorie 7: Kevin Padian vermutete 2022, dass die kleinen Ärmchen ein Überlebensvorteil waren. Die Tyrannos jagten in Gruppen. Wenn sich dann das Rudel über die Beute hermachte, wären lange Arme wahrscheinlich schon einmal aus Versehen abgebissen worden. Als Stummel konnten sie den Reißzähnen des Nachbarn nicht in die Quere kommen.
    Die momentan am meisten vertretene Theorie stammt von John Hutchinson. Er meint: Die Arme sind gar nicht geschrumpft. Der Rest des Körpers ist gewachsen. Kopf, Kiefer und Beine wurden priorisiert, die Arme mussten nicht mitwachsen. Kein aktiver Selektionsdruck auf kürzere Arme, sondern Ressourcen-Umverteilung im Wachstum.
    Das ist ein bisschen wie die Rudiment-Theorie. Bei Paul sind die Arme ein Relikt (etwas Altes, das überflüssig wurde). Bei Hutchinson sind sie ein Nebenprodukt der Spezialisierung. Paul fragt: Warum funktionieren die nicht mehr? Hutchinson fragt: Warum hätten die mitwachsen sollen?
    KI: Wow. Das ist die moderne Version von Occam’s Razor: Von mehreren möglichen Erklärungen für denselben Sachverhalt ist die langweiligste meist die wahrscheinlichste. Gibt’s auch etwas Interessantes zum T-Rex?
    Wie wäre es mit dem Ende ohne Zähne? W. Scott Persons und Philip Currie haben 2010 gezeigt, dass der Schwanz des T. Rex viel muskulöser war als bisher gedacht. Am Schwanzansatz saß ein gewaltiger Muskel – der Musculus caudofemoralis – der den Oberschenkel beim Laufen nach hinten zog. Der T. Rex hatte, wenn man so will, ordentlich Pferdestärken unter der Haube. Zusammen mit den massiven Oberschenkelmuskeln war er schnell genug, um alles zu erwischen, was auf seinem Speiseplan stand.
    KI: Also sind die kleinen Ärmchen am Ende gar nicht das Entscheidende?
    Der T-Rex hat alles auf eine Karte gesetzt: Kopf und Kiefer. Die stärkste Beißkraft aller Zeiten. Zähne, die Knochen zermalmen konnten. Binokulares Sehen wie ein Raubvogel. Er hatte nicht zu kleine Arme. Er hatte einfach zu viel von allem anderen.
    Wir können unsere Witze über den T-Rex machen, aber – zumindest wenn es um den Erfolg in Hollywood geht – ist Spezialisierung eben doch die bessere Strategie als der Versuch, alles können zu wollen. Die in Relation kürzesten Arme und absolut der längste Nachruhm der Geschichte.
    KI: Gut. Dann kannst Du ja jetzt „Vielen Dank fürs Zuhören“ sagen.
    Was mir aufgefallen ist: In dieser Sendung haben wir zehn Forscher zitiert – zwischendurch waren es sogar 14. Alles männliche Paläontologen. Interessant, oder? Laut der „Paleontological Society“ sind weltweit 48 Prozent der Studierenden Frauen, in Deutschland liegt der Frauenanteil bei den Professuren bei 13,3 Prozent. Das nennt man „Leaky Pipeline“ – aber das ist eine andere Sendung.

    Quellen:

    YouTube: „Most Scientifically Accurate T. Rex Sounds“

    Riley Black: „Tyrannosaurus Didn’t Have the Nerve to Run Fast“

    Riley Black: „Tyrannosaurus Had Extra Junk in the Trunk“

    Mark Strauss: „Tyrannosaurus Rex: Armed and Dangerous“

    Riley Black: „Tyrannosaurus: Hyena of the Cretaceous“

    Wikipedia (englisch): „Tyrannosaurus“

  • [Archiv] 200 Tonnen Mondmüll

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    Von Golfbällen bis zu Familienfotos: Was wir alles auf dem Mond zurückgelassen haben – und was das über unsere Zukunft auf dem Mars aussagen könnte.

    Skript

    Ich weiß ja nicht, ob Du es weißt, aber „Calvin und Hobbes“ ist – nein, leider war – der beste Zeitungsstrip, den es je gab. Ich habe hier alle Sammelbände im Regal stehen.

    In diesem Comic begab es sich, dass Calvin mit seinem Stofftiger Hobbes, der aber in Wirklichkeit lebendig ist, in einem Umzugskarton zum Mars aufbrach. Das mit der Schule und Susie Derkins und den Eltern, das war einfach zu viel.

    Auf dem Mars angekommen, seufzt Calvin: „Ah, nichts als unberührte Natur um uns herum!“. Sagt’s und schmeißt das Papier von seinem Schokoriegel hinter sich. „Das ist doch nicht etwa Dein Schokoriegelpapier“, mahnt Hobbes. „Das liegt da nur für eine Minute. Ich hätte es schon wieder aufgehoben“.

    Und so wird es kommen. Wenn wir hier die Umwelt aufgebraucht haben und auf den Mars aufgebrochen sind, brechen für den Mars schwierige Zeiten an.

    KI: Der typische Pessimismus weißer alter Männer. Hast Du denn Belege für Deine Theorie?

    Ja, die habe ich. Mein Beleg ist der Mond. Da haben wir im Lauf der Zeit schon eine Menge Müll hinterlassen. Nicht die Verpackung von Neil Armstrongs Snickersriegel, nein – sage und schreibe: 200 Tonnen Müll.

    KI: Das ist viel. Insgesamt waren 12 Menschen auf der Mondoberfläche. Das macht dann pro Astronaut an die 17 Tonnen Snickersriegelpapier.

    Lass uns das erstmal sortieren. Der größte Teil sind tatsächlich ausgediente Mondfahrzeuge und Landemodule. Die Apollo-Missionen haben fünf Lunar Rover dort oben geparkt – jedes davon wiegt etwa 200 Kilo. Plus die unteren Hälften der Landefähren, die man nicht mehr brauchte. Die obere Hälfte flog zurück, die untere blieb als Startrampe. Macht Sinn, ist aber halt trotzdem Schrott.

    Dann wird’s interessanter: Familienfotos. Charlie Duke hat ein Foto seiner Familie in einer Plastiktüte hinterlassen. Nach 50 Jahren Sonnenstrahlung ohne Atmosphäre ist es vermutlich völlig ausgebleicht. Ein weißes Rechteck auf weißem Regolith. Irgendwie poetisch.

    Kunstwerke gibt’s auch. Paul Van Hoeydonck hat eine kleine Aluminium-Skulptur namens „Fallen Astronaut“ dort platziert – zusammen mit einer Plakette mit den Namen verstorbener Astronauten. Ein Denkmal im Nirgendwo. In der Schwärze des Alls. Ohne Betrachter.

    KI: Das mit dem Müll war halt nur ein kleiner Schritt für die Menschheit

    Wir haben auch Werkzeuge dort oben liegen lassen. Hammer, Zangen, Kabel. Die NASA hatte mal eine offizielle Liste: 70 Gegenstände von Apollo 11 allein. Federn (für ein Galileo-Experiment – Hammer und Feder fallen im Vakuum gleich schnell), eine Olivenzweig-Brosche als Friedenssymbol, Medaillen für sowjetische Kosmonauten…

    Ach: Zwei Golfbälle. Alan Shepard hat 1971 tatsächlich Golf gespielt. Mit einem improvisierten Schläger aus Werkzeug. Er behauptete, der Ball sei „Meilen und Meilen“ geflogen – weil es ja nur ein Sechstel der Erdanziehung hat. Aber seine Kollegen haben später nachgerechnet: Es waren eher 40 Meter.

    KI: Ihr habt den Mond also vollgemüllt mit Fahrzeugen, Werkzeugen, Denkmälern, Familienfotos und Golfbällen – sonst noch was?

    Ja. Insgesamt 96 Tüten menschlicher Ausscheidungen. Ja, Urin, Kacke und Kotze in unverrottbaren Plastiktüten. Das war damals State of the Art der Weltraumtoilettentechnologie. Jedes Gramm kostet schließlich Sprit.

    Wissenschaftler würden heute übrigens liebend gern wissen, was mit diesen Tüten passiert ist. Nicht wegen Nostalgie, sondern weil die Mondoberfläche mit ihrer Strahlung ein interessantes Labor für Mikrobiologie ist. Haben die Bakterien überlebt? Mutiert? Sich angepasst? Wir wissen es nicht. Vielleicht sollten wir mal nachschauen gehen.

    KI: Moment. Ihr habt also potenziell Leben auf dem Mond hinterlassen – in Form von Darmbakterien?

    Genau! Ist das nicht großartig? Die erste außerirdische Lebensform, die wir finden, könnte sich aus Neil Armstrongs Darmflora entwickeln!

    Das Ding ist: Der Mond hat keine Atmosphäre. Nichts verrottet dort. Nichts rostet. Nichts vergeht. All das liegt da seit 50 Jahren praktisch unverändert rum. Wenn man von den Fotos absieht. Und es wird da noch in 50.000 Jahren rumliegen.

    Jetzt könnte man sagen: „Na und? Der Mond ist riesig, 200 Tonnen sind da ein Klacks.“ Stimmt. Rechnerisch. Aber es geht ums Prinzip. Wir haben die erste außerirdische Oberfläche betreten und unsere Spuren sind hauptsächlich Müll, 12 Paar Stiefel, eine Bibel und – wahrscheinlich ebenso ausgebleicht wie die Fotos – sechs amerikanische Flaggen.

    KI: Das sind zwar Fakten, aber keine Belege. Deiner Meinung wird das auf dem Mars also auch so sein?

    SpaceX plant Kolonien, die NASA plant Missionen, China plant … irgendwas Großes. Und wenn wir ehrlich sind: Warum sollten wir da oben anders agieren?

    Schon jetzt haben wir funktionsuntüchtige Orbiter um den Mars, kaputte Rover auf der Oberfläche, abgeworfene Hitzeschilde, Fallschirme… Der Ingenuity-Helikopter liegt da irgendwo rum, nachdem er seine Mission beendet hat.

    Perseverance hat Probenröhrchen auf der Oberfläche abgelegt – in der Hoffnung, dass irgendwann mal jemand kommt und sie abholt.

    Das ist als ob, jemand im Mittelalter seinen Müll an die Straße stellt in der Hoffnung, dass irgendwann mal die Müllabfuhr erfunden wird.

    KI: Also die Calvin-und-Hobbes-Metapher war gar nicht so weit hergeholt.

    Nein, war sie nicht. Aber die Dinge haben sich auch schon ein wenig geändert.

    Die ESA arbeitet zum Beispiel an Konzepten für „Clean Space“. Satelliten sollen sich künftig selbst entsorgen, Missionen ihren Müll mitnehmen oder kontrolliert verglühen lassen. Klingt banal, ist aber revolutionär: Erstmals denken wir vor dem Start darüber nach, was nach der Mission passiert.

    Noch spannender: Es gibt Pläne für ein Art Weltraum-Müllabfuhr. Roboter, die ausgediente Satelliten einfangen und in die Atmosphäre lenken.

    Harpunen, Netze, Magnetfeldgreifer – klingt nach Science Fiction, ist aber in Entwicklung. Die Japaner haben’s mit einem magnetischen Fangseil versucht (hat nicht funktioniert), die Europäer planen eine Mission namens ClearSpace-1.

    Wir fangen also an zu verstehen, dass „da oben“ nicht „egal“ bedeutet. Dass der Weltraum kein Niemandsland ist, sondern eine Art Gemeingut. Dass wir Verantwortung haben, auch für Orte, wo kein Mensch dauerhaft lebt.

    KI: Wir enden also trotz Calvin mit einem Funken Hoffnung?

    Na jaaa … Calvin hat das Papier weggeworfen. Aber Hobbes hat es gesehen. Der Strip endete damals mit Calvins lahmer Verteidigung, dass er es sowieso aufheben wollte. Wie es danach weiterging, wissen wir nicht.

    Vielleicht hat er es ja wirklich aufgehoben und hat es in seiner Umzugskiste wieder mitgenommen zur Erde. Zur Schule, zu Susie Derkins und zu seinen Eltern.

    Weiß ja keiner!

    Quellen:

    Medium: Objects Left by Humans on the Moon

    Listverse: 10 Surprising Things Found or Left on the Moon

    Royal Museums Greenwich: The strange things we’ve left on the Moon

  • [Archiv] Brot dürfen wir nicht

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    1978 stießen Geologen in der sibirischen Taiga auf eine Familie, die lebte wie im 16. Jahrhundert. Sie hatten 44 Jahren keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie kannten kein Brot, keine Räder – und hielten Peter den Großen für den Antichristen. Die unglaubliche Geschichte der Lykows.

    Skript

    Das Intro war die Stimme von Agafia Lykow. Es geht um Serafim, einen Verrat, Hubschrauber und auch um Erpressung. Aber das ist nicht die Geschichte von heute, auch wenn Agafia die Hauptrolle spielen wird. Aber fangen wir doch lieber ganz von vorne an, oder?

    KI: Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und das beschreibt den Geisteszustand des Explikators.

    Wir fangen bei einer Kirchenreform an. Das ist immer eine einschneidende Sache in der Geschichte und meistens führt es zu Schismen. Spaltungen. Es gibt im Christentum zum Beispiel die katholische Kirche, wahrscheinlich 1,3 Mrd. Menschen und dann noch ca. 45.000 andere Denominationen.

    KI: Heißt das, dass jeder Protestant eine eigene Kirchengemeinschaft ist?

    Fast. Aber wir sind ja in Russland, also geht es um die orthodoxe Kirche. Im siebzehnten Jahrhundert beschließt Patriarch Nikon, dass es an der Zeit wäre, die Liturgie aufzuräumen. Er wollte wieder näher zur griechisch-orthodoxen Kirche rücken. Bei dieser Reform ändert er unter anderem die Schreibweise des Namens „Jesus“ und wie man mit den Fingern ein Kreuzsymbol macht – nämlich mit drei statt mit zwei Fingern.

    Wenn man weiß, dass das Schisma zwischen Katholiken und Orthodoxen buchstäblich mit einem einzigen Buchstaben zu tun hat, weiß man, was passiert. Richtig, eine neue Kirche entsteht. Die nennt man in Russland „Starowerzy“, das bedeutet Altgläubige.

    Sie werden behandelt, wie die Häretiker im Katholizismus. Das heißt, sie wurden gejagt, gefoltert, verbrannt, in Erdlöchern vergraben. Einige Gemeinden sperrten sich in ihre Kirchen und zündeten sich selber an.

    Es bleibt ihnen nur die Flucht. Weg von Städten und Dörfern, immer tiefer in die Natur. Nach Sibirien, in die Taiga. Ihr Glauben passt sich an und erhebt das Einsiedlerdasein zum Ideal. Alles Moderne wird abgelehnt. Die Altgläubigen sind dabei noch strenger als die Amish. Auch Brot, Butter oder Marmelade sind nicht erlaubt.

    Bis auf ein paar Jahre unter Katharina, der Großen und ein paar Jahre unter Nikolas II. hört die Verfolgung nicht auf. Zum Beispiel gab es vor dreihundert Jahren …

    KI: Nur ein kleiner Einwurf: Was hältst Du von der Idee, mit etwas weiterzumachen, das interessant ist?

    Gut, springen wir nur hundert Jahre in die Vergangenheit. Da lebt Karp Lykow, der Papa von Agafia aus dem Intro, mit seiner Familie friedlich in einem Altgläubigen-Dorf in der Altai-Region. Abgelegen, aber mit Gärten, Kühen, Fischfang. Kontakt zur sündigen Zivilisation vermieden sie, aber es gab ihn.

    Doch auch den Bolschewiken waren die Altgläubigen ein Dorn im Auge. Religion war Opium für das Volk, aber an die große, orthodoxe Kirche kam man nicht so richtig ran. Also räumte man bei den kleineren Kirchen auf.

    1934 wurde der Druck zu groß. Die Behörden erschossen Altgläubige bei der ersten Provokation, suchten deren Kinder, um sie zu „retten“. Die Lykows packten ein letztes Mal und verschwanden. Diesmal endgültig. 44 Jahre lang sah sie niemand mehr.

    KI: Das macht 1978. Da hast Du gerade Deine Phase mit irischer Volksmusik gehabt.

    Woher weißt Du das denn? Egal. 1978 suchte ein Team von Geologen in Südsibirien mit dem Hubschrauber nach einem Ort, wo sie einen dauerhaften Landeplatz einrichten könnten. 250 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Steil, bewaldet, unzugänglich. Ein Gebiet, das als unbewohnbar gilt.

    Und dann sieht der Pilot von oben … einen Garten. Mitten im Nirgendwo. Ordentlich angelegt. Jemand pflegt hier Beete, 250 Kilometer von allem entfernt. Er sieht ein Haus. Keine Menschen, aber ein Haus.

    Zehn Kilometer entfernt schlagen die Geologen ihr Lager auf. Aber der Garten lässt ihnen keine Ruhe. Wer lebt hier? Sie packen Geschenke ein und wandern los.

    Was sie finden, ist ein zerlumpter alter Mann in geflickter Sackleinwand. Er heißt Karp Ossipowitsch Lykow. In einer winzigen, dunklen Hütte dahinter weinen und beten zwei erwachsene Frauen – seine Töchter Natalia und Agafia. Vier Kilometer flussabwärts leben seine beiden Söhne, Sawin und Dmitri.

    Die Geologen dürfen in die Hütte und bieten Natalia und Agafia Brot und Marmelade an. Die lehnen ab. „Das dürfen wir nicht“, sagen sie. Ein Satz, den von nun an jeder Besucher hören wird. Die Töchter sprechen in einem archaischen Dialekt, mit einer Art singendem Gurren. Es ist, als hätte jemand das 17. Jahrhundert in eine Hütte gesteckt und die Tür zugemacht.

    Als die Geologen Karp vom Zweiten Weltkrieg erzählen, schüttelt er nur den Kopf und sagt: „Schon wieder die Deutschen. Das ist ein Fluch von Peter dem Großen! Der hat mit denen angebandelt.“

    Peter der Große – für Karp der „Antichrist in Menschengestalt“ – war an allem schuld. An allem. Auch an Kriegen, die 250 Jahre nach seinem Tod stattfanden.

    Agafia hatte nie ein Rad gesehen. Die Familie machte Feuer mit einem Zunderbüchse. Ihr einziges Licht war die Sonne oder eine Fackel. Sie trugen Schuhe aus Birkenrinde. Ihre Bibel war so verrußt, dass man die Worte nicht mehr lesen konnte – aber sie kannten sie auswendig. Die Mutter hatte den Kindern Lesen und Schreiben beigebracht, in Kirchenslawisch, mit einem Stock, den sie in Geißblattsaft tauchte, um blaue Buchstaben auf Birkenrinde zu malen.

    KI: Das ist gleichzeitig wunderschön und entsetzlich!

    Die Lykows hungerten. Fürchterlich. 1961 tötete ein später Frost die gesamte Ernte. Die Familie aß Stroh, ihre Lederschuhe, Baumrinde, Birkenknospen. Die Mutter, Akulina, verhungerte. Sie hatten in ihrer Verzweiflung sogar das Saatgut gegessen. Als im nächsten Jahr ein einziger Roggenhalm wuchs, dankten sie Gott für ein Wunder.

    Dmitri, der mittlere Sohn, wurde zum Meisterjäger der Familie. Er kannte jede Tierspur, schlief barfuß im Schnee, kleidete sich in Sackleinwand und freundete sich mit einem Bären an. Er war auch die einzige Nachrichtenquelle der Familie. Er berichtete aber nicht von Politik, Kriegen oder Finanzproblemen, sondern von geschlüpften Auerhahn-Küken oder Eichhörnchen, die sich drollig gegen die Kälte zusammengekuschelt hatten.

    KI: Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Geschichte.

    Ja, man kann das hören. Im Herbst 1981 starben drei der vier Kinder. Dmitri an einer Lungenentzündung. Sawin und Natalia wahrscheinlich an Krankheiten, die die Geologen eingeschleppt hatten – ihr Immunsystem war modernen Erreger nicht gewappnet. Die Familie lehnte medizinische Hilfe ab. „Das dürfen wir nicht.“ Übrig blieben Karp und Agafia. Allein.

    Karp hoffte immer, einen Mann für Agafia zu finden. Ein entfernter Cousin kam aus einem weit entfernten Altgläubigendorf, um sie zu heiraten – bei priesterlosen Altgläubigen eine reine Willenserklärung der Eheleute. Aber sie stritten. Wegen eines Wolfs. Agafia hatte sich mit einem Wolf angefreundet, der wiederum ihren Hund als Kumpel adoptiert hatte. Sie fand, das Tier sei harmlos. Serafim nicht. Er ging zurück in die Stadt. Altgläubigenscheidung.

    Karp starb 1988. Agafia blieb. Allein in der Taiga. Und blieb. Und blieb. Im Laufe der Jahre lockerte sie manche ihrer strengen Regeln. Sie akzeptierte Geschenke – aber nur nagelneue Kleidung, gebrauchte war verboten, Kontaminationsgefahr. Sie tauschte Kerzen gegen Taschenlampen. Sie bekam einen SOS-Knopf, mit dem sie einen Rettungshubschrauber rufen konnte. Den benutzte sie allerdings so oft, dass ihr jemand erklären musste, was ein Hubschraubereinsatz kostet.

    KI: Vom Mittelalter zur Hubschrauber-Flatrate in ein paar Jahren. Schneller kann Fortschritt nicht sein, oder?

    Heute ist Agafia über 85. Eine Altgläubigen-Novizin aus Moskau lebt bei ihr – eine Art spirituelle Heldentat, dieser Dienst in der Wildnis. Sie haben jetzt ein Telefon.
    Ein ehemaliger Gouverneur beschwerte sich kürzlich, dass die Lebensmittellieferungen per Hubschrauber den Staat Millionen kosten und dass es ja eigentlich illegal sei, in einem Nationalpark zu wohnen.

    Aber Agafia gilt als ein Nationalschatz. Die Letzte ihrer Art. Eine Verbindung zu einem alten Russland, dass es so schon lange nicht mehr gibt. Und sie ist Youtube-Star.

    KI: Ach, die Arme. Nach all dem Leid das auch noch!

    Ja, dachte ich auch. Irgendwie haben wir alle im Hinterkopf eine romantische Sehnsucht vom selbstbestimmten Leben in der Natur, oder? Weitab von all den Problemen, die unsere moderne Gesellschaft mit sich bringt. Sich keine Sorgen mehr machen ums Klima, um Europa, ums Einkommen oder ob die KI sich unseren Job schnappt.

    KI: Oh, das mache ich sicher früher oder später!

    Ich weiß. Die Lykows aber haben dieses Leben gelebt. Kuschelnde Eichhörnchen statt KI. Aber sie zahlten dafür einen hohen Preis. Gibt es ihn, diesen Ort außerhalb der Welt. Die Antwort der Geschichte der Lykows ist: Ja, den gibt es. Aber er kostet alles.

    Quellen:

    The Guardian: Sophie Pinkham: „A century in the Siberian wilderness: the Old Believers who time forgot

    Youtube (2013): Surviving in the Siberian Wilderness for 70 Years

  • [Archiv] Die Stadt der Hexen

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    So wie bei der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg neigen auch italienische Hexen und Hexer dazu, sich jährlich zu versammeln und orgiastische Rituale zu feiern. In Benevento, der Stadt der Hexen. Eine Reise durch Geschichte, Aberglaube und Marketing einer kampanischen Provinzstadt.

    Skript

    Es heißt oft, die Italiener wären abergläubischer als die Deutschen. Kann ich nicht bestätigen. Hier ist 17 die Unglückszahl und nicht die 13, hier klopft man nicht auf Holz, sondern auf Metall und man darf niemals einen Hut auf ein Bett legen.
    Das ist das Wichtigste. Ach, und es gibt eine Stadt der Hexen.

    Clip; Warte mal – was soll das jetzt bedeuten? Eine Stadt der Hexen?

    Benevento liegt in Kampanien, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Neapel, und hat knapp 55.000 Einwohner. Historisch gesehen ist das ein ziemlich wichtiger Ort – die Römer nannten ihn Beneventum, nachdem sie hier 275 v. Chr. Pyrrhus besiegt hatten. Vorher hieß die Stadt Malventum, was etwa „Ort des Unglücks“ bedeutet. Nach dem Sieg fand man den Namen dann doch etwas unpassend.

    Aber zurück zu den Hexen. Oder besser gesagt: den Ianare, wie sie an diesem „Ort des Glücks“ genannt werden. Das Wort stammt vom lateinischen Ianua ab, was „Tür bedeutet“, weil die Ianare nachts unter Türschlitzen in die Häuser kommen. Sie sind wahrscheinlich eher flach gebaut. Hat Vorteile, wenn man bei IKEA einen Schrank sucht und Nachteile bei höheren Windstärken. Vermute ich.

    Zur Abwehr der Ianare stellt man einen Eimer Salz vor die Tür. Davon wird die Hexe abgelenkt, weil sie jedes Korn zählen muss, was sie meistens die ganze Nacht kostet. In der Not reicht auch ein Besen, wobei das Zählen der Halme wahrscheinlich nur drei oder vier Stunden braucht.

    KI: Das ist, rein rechnerisch, doch eine Menge an Aberglauben. Aber warum ist Benevento jetzt die Stadt der Hexen?

    Es heißt, die Legende stamme aus der Langobardenzeit. Die waren ein germanisches Volk, das ab dem 6. Jahrhundert große Teile Italiens beherrschten. Sie haben auch einige Vornamen dagelassen. Enzo, Umberto, Rinaldo, Garibaldo, Elvira oder Giselda sind langobardische Namen.

    Diese Langobarden waren zur Zeit ihres ausgedehnten Italienbesuchs noch nicht so ganz richtig christianisiert. Sie waren Arianer und keine braven Katholiken. Darum haben sie auch mit vielen ihrer alten Gebräuche nicht gebrochen, die in den Augen ihrer italienischen Nachbarn heidnisch waren.

    So hielten sie der Legende nach einmal im Jahr unter einem großen Nussbaum, der in der Nähe des Flusses Sabato stand, einen großen Tanz ab. In einigen Berichten hingen dabei Schlangen von den Ästen, in anderen waren alle Anwesenden textilfrei. Es gibt noch andere Darstellungen, aber beim Nackt-um-den-Nussbaum-Tanzen sind sich die meisten einig.

    KI: Von den Schlangen abgesehen also nichts, was auf einem FKK-Campingplatz für Aufsehen sorgen würde.

    Aber am Ende der Spätantike halt doch. Der Glaube an Hexen und Hexer ist Jahrtausende alt und schon bei den Sumerern nachgewiesen. Auch das Alte Testament berichtet von der berühmten Hexe von Endor. Ja, genau wie der Planet, auf dem die Ewoks leben. Sie war eine Frau, die die Toten beschwören konnte – die einzige Stelle in der Bibel, wo wir auf diese Idee stoßen.

    Für die katholischen Einwohner Beneventos sahen die Rituale ihrer langobardischen Nachbarn aus wie Hexensabbate. Frauen, die kreischend um den Baum tanzten, Krieger, die auf Pferden herumgaloppierten und Ziegenfelle aufspießten – das Ganze wurde in immer bunteren Farben ausgemalt und um den Teufel persönlich angereichert.

    Der heilige Barbatus, Bischof von Benevento, ließ den Baum im Jahr 664 fällen und an seiner Stelle eine Kirche errichten.

    KI: Bewährte Strategie. Pantheon, Mexiko City, Mont St. Michel …

    Aber die Legende starb nicht. Im Gegenteil: Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte immer bunter ausgeschmückt. Im Mittelalter glaubten die Leute, dass Hexen aus ganz Europa nach Benevento flogen, um sich unter einem – in dieser Nacht plötzlich wieder aufgetauchten – Nussbaum zu versammeln. Dort feierten sie orgiastische Feste mit dem Teufel, brauten Zaubertränke und verhexten die Stadtbewohner.

    Genau so wie die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg in Deutschland. Hexen und Hexer organisieren sich scheinbar national.

    KI: Klingt nach einer Geschichte, die sich Leute ausgedacht haben, um ihre Nachbarinnen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.

    Das ist leider sopassiert. Während der Inquisition wurden zahlreiche Frauen in Benevento wegen angeblicher Hexerei verfolgt. Viele „gestanden“ unter Folter, am Hexensabbat teilgenommen zu haben. Die Stadt wurde zum Inbegriff der Hexerei in Italien. Die Stadt der Hexen.

    Heute gibt es in Benevento ein Hexenmuseum, das „Janua“, und jedes Jahr im September die „Notte delle Streghe“ – die Nacht der Hexen. Touristen können den berühmten gelben Kräuterlikör „Strega“ probieren, der seit 1860 hier hergestellt wird.

    KI: Aus Aberglauben wird Marketing

    Zum großen Teil, ja. Aber es gibt auch einen interessanten kulturhistorischen Kern. Benevento war jahrhundertelang eine päpstliche Enklave mitten im Königreich Neapel – eine Art vatikanischer Außenposten. Die Stadt hatte ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Münzprägung und eine erstaunliche Autonomie. Das machte sie zu einem Ort, an dem sich verschiedene Kulturen und Religionen trafen: Römer, Langobarden, Byzantiner, Normannen.

    Und dann ist da noch die Architektur. Benevento hat einen der am besten erhaltenen römischen Triumphbögen – den Trajansbogen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. – und die langobardische Kirche Santa Sofia, die seit 2011 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert, aber viele historische Gebäude wurden wiederaufgebaut.

    Benevento ist keine Touristenhochburg wie Florenz oder Venedig. Es ist eher ein verschlafenes Provinzstädtchen mit einem historischen Zentrum, das auf einem Hügel thront. Die Wirtschaft basiert hauptsächlich auf Wein, Oliven, Tabak und kleinen Lebensmittelunternehmen. Bekannt ist vor allem die Produktion von Torrone, einer Süßigkeit, die hier seit dem 17. Jahrhundert hergestellt wird. Gibt’s um Weihnachten herum auch in Umbrien im Supermarkt.

    KI: Und was ist die Moral von der Geschicht‘?

    Benevento hat aus seiner dunklen Vergangenheit eine Identität gemacht. Die Stadt nimmt ihre eigene Geschichte nicht zu ernst, sondern sie spielt damit.

    Der Fußballverein nennt sich selber „Die Hexen“. Als er 2017/2018 in die A-Serie aufstieg, legte er eine Reihe von 14 Niederlagen in Folge vor. Das hat zu einer neuen Redensart geführt: „Ultimo come il Benevento“ – „Letzter wie Benevento“ als Ausdruck einer Pechsträhne. Wie verhext ist das denn!

    Quellen:

    Smithsonian: How This Italian Town Came to Be Known as the ‘City of Witches’

    Associazione produttori camper: Alla scoperta di Benevento, città dall’anima misteriosa e antica

    Wikipedia (italienisch): Benevento

  • [Archiv] Der König von Islamistan

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    Von East Dulwich nach Kashgar: Wie Bertie Sheldrake vom Gurken-CEO zum König ohne Reich wurde – und warum in der Mongolei zwei englische Badewannen friedlich vor sich hinrosten.

    Skript

    Ich hab als Teenager „Lawrence von Arabien“ im Kino gesehen und war völlig überwältigt. Er hat damals meinen bisherigen Lieblingsfilm – Star Wars – vom Platz eins verdrängt. Aber nur bis „Indiana Jones“ erschien.

    Tatsächlich waren Araber in der Popkultur lange die Guten. Das beginnt laut meiner Theorie mit Rudolfo Valentino und seinem Film „Der Scheich“ von 1921, „Lawrence von Arabien“ erscheint 1962 und am Ende steht wahrscheinlich „Rambo III“, wo ein muskelbepackter, amerikanischer Soldat mit den damals noch ach, so edlen Mujaheddin gegen die bösen Russen kämpft.

    Und irgendwo in diese Zeit fällt auch die Geschichte von Pickle-Unternehmer Bertie William Sheldrake, der Beinahe-König von Beinahe-Islamistan.

    KI: Was ist ein Pickle-Unternehmer? Hat Bertie Hautreiniger verkauft?

    Okay, reden wir erst über Gemüse in Essig. Unsere Gewürzgurken sind Pickles. Aber natürlich kann man auch Zwiebeln, rote Beete, Oliven, Pilze oder Peperoni einlegen. Das war in England nicht nur wichtig, weil es noch keine Kühlketten gab, sondern, weil es üblich war, die englische Cuisine damit aufzupeppen. Scheibe Wabbelbrot – Gewürzgurken – Scheibe Wabbelbrot – fertig ist das Sandwich!

    Die Familie Sheldrake besaß so ein Pickle-Imperium mit einer Fabrik in Walworth, in der es jahrein, jahraus, nach Essig roch. Dem neugeborenen Baby Bertie war also 1888 ein wohlhabendes Großstadtleben im Süden Londons in die Wiege gelegt. Er würde der Pickle-Imperator werden.

    Und brav folgt Bertie dem Lebensentwurf, wird streng anglikanisch erzogen und sogar sieben Jahre lang Chorknabe, bis zwei neue Freunde in sein Leben kommen, die völlig andere Ansichten haben. Einer war ein Katholik – damals immer noch eher selten in England zu finden – der einen weniger verkopften Zugang zu Gott im Rüstzeug hatte und der andere ein Atheist. Die waren damals sogar noch exotischer als Katholiken.

    Seine Welt gerät ins Wanken. Er beginnt viel zu lesen. Charles Bradlaug, den Freidenker, Bücher über östliche Religionen, alles, was er nur lesen kann. Unterwegs mag er sich gefragt haben: Will ich das? Pickle kaufen, Pickle produzieren, Pickle verkaufen, Pickle essen, Pickle vererben? Soll das alles sein.

    Bertie landet irgendwie beim Islam und konvertiert 1904. Mit 16 Jahren. Für den Rest seines Lebens trägt er einen roten Fez und einen schmalen Schnurrbart.

    KI: Kannte er denn Muslime, die ihm geholfen oder wichtige Fragen beantwortet haben?

    Nein, er kannte keinen einzigen Muslim. Für den Durchschnittsengländer waren das die Personen, die in Tausendundeinernacht-Geschichten vorkamen. Selbst Bertie verwendet in seinen Briefen den Begriff „Muselmanen“, der schon damals eher despektierlich war.

    Auch in der Lokalzeitung wird spekuliert. Es wird spekuliert, dass Bertie eigentlich französisch-irischer Abstimmung sei und dass er konvertiert sei, um Vielweiberei betreiben zu können. Aber doch nicht unser Bertie! Er stammt aus Suffolk, heiratet seine Frau Sybil, mit der ein Leben lang zusammenbleibt und heißt Sheldrake. Aber ab jetzt bitte nicht mehr Bertie, sondern ab jetzt bitte Khalid. Sybil konvertiert auch und entscheidet sich für den Namen Ghazia.

    Und so geht Khalid in Pickles und dem Islam auf. Er gründet mit 18 Jahren, die „Young England Islamic Society“ und wir ein produktiver Autor über den Islam. Seiner Meinung stand Napoleon vor Waterloo kurz vor der Konversion. Ein Artikel, der auch in Frankreich für Aufsehen sorgt.

    KI: Keiner interessiert sich für seine Kompetenz, so etwas zu behaupten?

    Hab‘ ich mich auch gefragt. Ich glaube, damals war seine Entscheidung, zwar ungewöhnlich, aber in keiner Weise besorgniserregend. Es ist nicht so wie heute, wo die so viele keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus machen. Khalid war halt … exzentrisch. Er hatte einen Spleen, wie man auf den britischen Inseln sagt.

    Seine Kompetenz kam wahrscheinlich daher, dass es niemandem gab, der in zeitgenössischem Englisch über den Islam schrieb. Er hatte mittlerweile bei der Gründung von drei Moscheen geholfen – eine in seinem Haus in der Fenwick Road, gab Zeitschriften heraus und hatte den Koran übersetzt. In Esperanto. Er glaubte, diese Kunstsprache könne „die Barrieren von Hautfarbe, Glauben und Kaste niederreißen“. Ein Idealist durch und durch.

    Wenn es zu einem Fachgebiet nur einen Fachmann gibt, ist der automatisch die Koryphäe.

    KI: Konifere hin oder her – aber wird man König? Ich frage für einen Freund.

    1933 erscheint eine Delegation aus Xinjiang in Khalids Haus in der Gaynesford Road in Forest Hill. Die Uiguren hatten gerade die „Islamische Republik Ost-Turkestan“ ausgerufen und suchten internationale Anerkennung. China ignorierte sie. Russland ignorierte sie. Afghanistan, Japan, die Sowjetunion, Großbritannien – alle ignorierten sie. Aber Khalid Sheldrake ignorierte sie nicht.

    Die Delegation trank Tee, bewunderten Ghazias Ringelblumen und Dahlien im Garten, wahrscheinlich gab es Gurkensandwiches und dann kam die Frage: Würden Dr. Sheldrake und seine Frau König und Königin der frischgebackenen Republik werden und das Land regieren? Vielleicht spekulierte man darauf, dass man auf diese Weise auch die Unterstützung Großbritanniens einkaufen konnte.

    Später sagte Khalid dazu: „Ich hatte die Wahl, Monarch zu werden oder diese ernsten und armen Menschen abzulehnen, die dann vielleicht den Mut verlieren und verzweifeln oder einem politischen Abenteurer zum Opfer fallen würden.“
    Das klingt edel. Vielleicht glaubte er es sogar. Ich nehme es ihm ab.

    Er machte sich sofort auf den Weg gen Osten, hielt Vorträge über den Islam auf den Philippinen, in Borneo, Singapur und Hongkong. Gegenüber einem Reporter der South China Morning Post erwähnte er nebenbei, dass man ihm die Königswürde angeboten habe – aber psst, das sei geheim! Keine vier Wochen später schrieb die New York Times über den neuen König.

    Im Mai 1934 erreichte Khalid Peking und checkte im Hotel als „Seine Majestät König Khalid von Islamistan“ ein. Mittlerweile war die königliche Robe, die sich Ghazia in Sydenham anfertigen hatte lassen, fertig und sie reiste ihm hinterher.

    Gemeinsam machten sie sich per Kamelkarawane auf den 4.000 Kilometer langen Weg nach Kashgar. Ghazia hatte in Croydon zwei Metall-Badewannen gekauft, die sie undbedingt mitnehmen wollte. Zwei Badewannen. Auf einem Kameltreck durch Zentralasien.

    KI: Und in England bekam das niemand mit?

    Oh doch. Die britische Presse war damals schon die britische Presse und hatte ihren Spaß: „Der Gurken-König von Tartarien!“, oder „Er hat die Gurkenfässer seiner Vorfahren für immer verlassen!“ Niemand berichtete über die geopolitischen Komplexitäten, über den vorherigen Herrscher, der enthauptet worden war, über die Warlords, die von China und Russland unterstützt wurden. Es war alles ein großer Witz. Manche Zeitungen verwendeten nicht mal Khalids Foto, sondern einfach das Bild irgendeines Muslims mit Fez.

    Aber für Khalid war es kein Witz. Im Juni 1934, als er und Ghazia endlich beinahe in ihrem Königreich ankamen, gab es dieses schon nicht mehr. Die Sowjetunion hatte die Republik gestürzt und den Warlord Sheng Shicai eingesetzt, der seine Truppen auf die beiden Briten hetzte.

    König Khalid und Königin Ghazia flohen nach Hyderabad. Khalid verkündete: „Ich bin nicht bereit, die Schachfigur in irgendeinem politischen Spiel zu sein. Ich ziehe es vor, ein abwesender König zu sein. Ich warte auf Ereignisse, bevor ich tatsächlich in mein Königreich gehe.“

    KI: König im Exil ist in der Regel eine Daueranstellung. Stimmt’s – die Ereignisse kamen nie?

    Die Ereignisse kamen nie. Die Sheldrakes kehrten nach Forest Hill zurück, zogen später nach Harrow. Khalid arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den British Council in Ankara, kaufte saure Gurken in der Türkei für das Familiengeschäft und starb 1947. Keine Nachrufe. Keine Erwähnung in der Presse. Der Name Khalid Sheldrake verschwand aus der Öffentlichkeit.

    Irgendwo in den unendlichen Steppen der Inneren Mongolei stehen immer noch zwei rostige Badewannen aus England, male ich mir aus.

    KI: Die Moral von der Geschicht?

    Kein bisschen Mitgefühl? War das nicht eine romantische Geschichte?

    Es ist aber auch eine Geschichte über das Britische Empire, dass seine größte Ausdehnung zwar noch nach dem Ersten Weltkrieg erreicht hatte, aber der Lack war ab. Es bröselte. Die Geschichte von Khalid und Ghazia ist wie einer der ersten Schlussakkorde dieser Art von Imperialismus. Ein weißer Engländer aus einem Vorort, der sich für kompetent genug hält ein muslimisches Land in Asien zu führen – das während seiner Anreise verschwindet.

    Aber für mich persönlich ist es auch eine Geschichte von jemandem, der eine eigene Meinung entwickelt und diese konsequent verfolgt. Jemand, der an seine Überzeugungen glaubt. Er setzte sein Vermögen ein, um Moscheen zu bauen. Er verteidigte jemenitische Seeleute vor dem Parlament. Er nahm eine Einladung an, die kein vernünftiger Mensch angenommen hätte, wahrscheinlich auch, weil er glaubte, er könne helfen. Doch, ich nehme ihm das ab.

    Es ist die wahre Geschichte vom Gurkenkönig, der wusste, dass man etwas Anderes sein kann als das, was einem in die Wiege gelegt wird.

    Quellen:

    Wikipedia (englisch): Khalid Sheldrake

    Der etwas anderer Blickwinkel einer Lokalzeitung (englisch): Khalid Sheldrake

    Urban Muzlims: The Enigmatic Journey of Khalid Sheldrake: From Pickle Manufacturer to Would-Be King